Sichten und Schichten: Raumfragen. Mark Matthes Ein junger Künstler, der heute die Wahrnehmung von Raum zum Thema macht, kann wie in der Renaissance Traktate schreiben oder Farben anrühren. Aber anders als damals stehen ihm auch neue Abbildtechniken zur Verfügung, auch wenn selbst in Photographie und am Bildschirm immer noch weitgehend die vor fünfhundert Jahren erarbeiteten Sichtweisen gelten. Wenn Mark Matthes für seine Arbeiten sich ganz gleichwertig sowohl der Photographie, wie der Malerei und der reliefhaften Malereicollage bedient, so ist das zwar unüblich, aber nur konsequent.
Die traditionelle Hierarchie der Bildformen ist nur noch für den Markt wichtig, sonst konkurrieren Gemälde und Photoabzüge gleichermassen um die Wahrnehmung in der Flut des Visuellen. Unabhängig von der Technik bestimmen in hohem Masse die heutigen Medien Produktion und Rezeption von Kunst. Und der Alltag scheint manchmal nur die Blaupause eines Film-Stills. Wo fängt ein Bild an und wo sind die Grenzen des Bildraumes? Wie viel Komplexität ist zu entschlüsseln? Im Alltag gelingt es meist, sich zu orientieren: Trotz einer verwirrenden Menge von Signalen kann der moderne Bürger weitgehend eine Reklametafel von einem Verkehrschild unterscheiden, versteht er den Sinn von fast magisch auf Asphalt markierten Dreiecken und rennt nicht in jede Spiegelung. Aber die modernen Zeiten stellen hohe Anforderungen an schnelle Wahrnehmung und unterschiedliche Reaktionen, ohne dass man sich dabei immer bewusst ist, woher manchmal die Migräne kommt.
Die Phänomene der Informationsüberlagerungen und der stadträumlichen Schichtungen von Formen sind grundlegend für die Kunst von Mark Matthes. Harte Kanten und weiche Übergänge, Brüche und Additionen, realistisches Abbild und abstraktes Zeichen berlagern sich in seinen synthetischen Stadtportraits vor und hinter einem durchsichtigen Bildträger. Doch damit nicht genug: in die Bildtiefe hinein und in den Betrachterraum hinaus finden sich zusätzliche Weiterungen in Schattenmotiven und einer durchaus gewollten Spiegelung. Denn oft kommt zu einer Spiegelung, die möglicherweise sogar Anlass für das Bildmotiv war, eine weitere hinzu, die eher zufällig sich in Teilen der unbemalten Plexiglasoberfläche findet. So lassen die Raumschichten die Wahrnehmung über die verschiedenen Ebenen des Materials zu einem eigenen multiperspektivischen Bildraum finden. Mark Matthes arbeitet mit Schärfe und Unschärfe, mit einer unterschiedlichen Fokussierung, mit Spiegelungen und Doppelbelichtungen, mit Ausschnitten und Collagen. Sein malerisches Vokabular lässt sich mit Worten beschreiben, die aus der Sprache der Photographie stammen. Und in diesem Sinne sind dann auch seine Photoarbeiten durch einen malerischen Blick geprägt. Zwar hat ein photographisch gewonnenes Bild in der Wahrnehmung immer noch den Bonus, mehr oder weniger authentisch einen realen Ort wiederzugeben, doch ein geschärfter Blick findet so manche Ecken und Markierungen von starker Seltsamkeit, bei denen zwar die photographietypische Einheit des Ortes gewährleistet ist, die ins Bild gesetzten Raumschichtungen aber trotzdem zweifelhaft werden. Ist das nur ein Baumarkt-Display oder erfüllt das einen bislang ungeahnten Nutzen? Ist das berhaupt real, was da zu sehen ist? Und wenn ja, was soll das bedeuten? Malerei erfordert immer eine Orientierung vor dem Bild. Aber auch die Wahrnehmung eines Dokuments des Realen kann die Frage nach der Realität der Wahrnehmung stellen. (Hajo Schiff, 2007)
Mark Matthes, o.T., 2009,
Acryl, Lack auf Glas im Rahmen, 79,5 x 120 cm
 
 
Mark Matthes, o.T., 2009,
Acryl, Lack auf Acrylglas im Rahmen, 60 x 88 cm
 
 
Mark Matthes, o.T., 2009,
Acryl, Lack auf Acrylglas, 65 x 120 cm
 
 
Mark Matthes, o.T., 2009,
Acryl, Lack auf Glas, Sockel, 259 x 78 cm
 
 
Mark Matthes, o.T., 2009,
Acryl, Lack auf Glas, Sockel, 259 x 78 cm
 
 
Mark Matthes, o.T., 2009,
Acryl, Lack auf Glas im Rahmen, 79,5 x 178 cm
 
 
Mark Matthes, Ausstellungsansicht, Translate Bricolage, 2009
 
 
Mark Matthes, o.T., 2009,
Acryl, Lack, Papier, Panzerglas, Chromgriff auf MDF, 50 x 76 cm
 
 
Mark Matthes, o.T., 2009,
Acryl auf Acrylglas und MDF, Boxenabdeckung, 76,5 x 124,5 cm
 
 
Mark Matthes, o.T., 2009,
Acryl, Lack auf Glas, 259 x 78 cm
 
 
Mark Matthes, o.T., 2009,
Acryl, Lack auf Acrylglas, 35 x 70 cm
 
 
Mark Matthes, o.T., 2009,
Acryl, Lack auf Acrylglas, 35 x 70 cm