Ein unbändiges Gemälde (María Luz Cárdenas)

Hinter den weichen, anschmiegsamen, organischen Formen in der Kunst von Clemencia Labin verbirgt sich eine grundlegende Neubewertung der Empfindsamkeit in der modernen Welt. In einer sehr persönlichen Sprache thematisiert Labin die Realität des Alltags mit Vielseitigkeit, Humor und Ironie. Aus einer Fülle von frei geformten, so außergewöhnlichen wie unerwarteten Körpern und Flächen erschafft sie ein Universum der Farben und Volumina. Die verblüffende Neuinterpretation, die daraus entsteht, hinterfragt das Abstrakte in der westlichen Tradition durch einen aufrichtigen Dialog mit den heimatlichen Vorbildern, die Labins eigene Identität als gebürtige Venezolanerin ausmachen – als Venezolanerin aus Maracaibo, um genau zu sein. Einhundert Prozent karibisch.

Konzeptionell und technisch gesehen, ist Clemencias Ausgangspunkt die Malerei: „Ich sehe mich grundsätzlich als Malerin, die unterschiedliche Materialien erforscht. Ich ersetze die traditionelleren Mittel der Ölmalerei durch weniger ernste und eher respektlose Werkstoffe. Sie erlauben mir, deutlich weichere Kompositionen zu kreieren, die nicht nur die Idee der Moderne in ihrer reinsten Form, sondern auch den männlichen Chauvinismus infrage stellen, der mit dem Mythos Künstler assoziiert wird“, sagt sie. Ihre Malfarbe ist Teil des Werks und gleichzeitig nicht zu bändigen, ihre Art zu malen rastlos und überschwänglich. Das Gemälde springt von der Wand und wird zur Skulptur. Es verlässt die Form, dehnt sich aus und explodiert in Tausend verschiedenen Farben und unerhörten Materialien. Clemencias Werk stellt sich Problemen, die weit über die bildende Kunst hinausreichen. Man spürt noch etwas anderes: eine neue, grenzüberschreitende, hybride Vorgehensweise, direkt und voller Leben. Sie erschließt neue Wege, um die Möglichkeiten unterschiedlicher Materialien auszuloten und alternative Ausdrucksformen zu finden. Sie sorgt für ein kritisches Nachdenken über die Ausschweifungen des Formalismus, auf die das Werk anspielt.

Es ist interessant zu sehen, wie Labin das Vermächtnis der Pop-Art und die Vitalität der 1980er-Jahre-Malerei nutzt, um über diese Formate hinauszugehen und sie in Installationen zu überführen, die den Betrachter in eine Atmosphäre von Farbe und Textur einhüllen. Die Installationen verweisen aus feierlich-spielerischem Blickwinkel auf Alltagsszenen und ‑objekte, auf das kollektive Gedächtnis und auf Vorlagen kultureller und religiöser Natur. Labins Art und Weise, Regeln und Konventionen beiseitezuschieben, ihre Fähigkeit, verschiedene Oberflächenstrukturen als Katalysatoren des Taktilen einzusetzen, das unmittelbar die Sinne durchdringt, ihre Absicht, uns körperlich – mit Haut und Haar – in ihre Werke hineinzuziehen, und ihre Strategie, die Materie mit symbolischen Inhalten in Beziehung zu setzen, zählen zu den wichtigsten Aspekten ihres künstlerischen Ausdrucks. Ihr Vorgehen ist instinktiv. Es entspringt aus dem Innersten ihrer Seele, aus den Tiefen der Kreativität, der Intuition und der Subjektivität und zapft ohne Umwege das Reich der Gefühle an. Labin verändert die Spielregeln und die Rolle der Kunst in der Welt, sie verstößt gegen etablierte Produktionsmechanismen und durchbricht deren vermeintliche Grenzen.

Innerhalb dieser unscharfen, undurchsichtigen und schwer definierbaren Zone verknüpft Labin drei Aspekte ihrer Arbeit miteinander: das Spiel, das Symbol und das Fest.[1] Dabei finden verschiedene Disziplinen und Methoden Anwendung, die es uns ermöglichen, Labins künstlerischen Ausdruck auf ganz neue Weise nachzuempfinden. Der Begriff des Spiels ist als fundamentaler Aspekt der menschlichen Natur präsent. Wie die politische, soziale oder religiöse Tätigkeit enthält auch die künstlerische Tätigkeit ein spielerisches Element, das zu Bewegung, Kommunikation und Veränderung anregt. Jedes Spiel hat Regeln und Codes, und in Clemencias Fall bilden diese Regeln ganze Bewegungswelten – Volumina und Formen, die sich ausdehnen und den malerischen Rahmen buchstäblich sprengen. Ihre einzelnen Arbeiten interagieren miteinander und unterstützen den spielerischen Charakter der formalen Beziehungen, Gegensätze und Texturen. Die Beziehung zum Publikum bildet einen Teil des Spiels mit den Werken, doch sie ist dicht und kompliziert. Die Arbeiten beziehen den Betrachter unmittelbar mit ein und erlauben es uns, die Objekte zu berühren und sogar durch sie hindurchzugehen. Ein Element geht ins nächste über, und jede Verwandlung scheint sich aus den Beziehungen zwischen den weichen, bunten, bewohn- und streichelbaren Formen zu ergeben. Dieser Sinn fürs Spielerische wird in den Pulpas offensichtlich, jenen organischen, an Fruchtfleisch erinnernden weichen und flauschigen Formen, die sich bewegen, wachsen, tanzen und die Sinne feiern. Sie verleihen dem Werk eine entschieden körperliche Dimension und umfangen uns mit ihrer Verspieltheit.

In Installationen wie Mi Cocina (Meine Küche) entdecken wir weitere Dimensionen dieses Spiels: Die Distanz zwischen Werk und Betrachter geht durch den intimen Blick auf eine häusliche Umgebung verloren. Der Betrachter wird zum integralen und existenziellen Bestandteil des Werks. Die Künstlerin zeigt uns, was wir kennen, in diesem Fall eine Küche, die uns willkommen heißt und sinnliche Erinnerungen wachruft – an Gerüche, Geschmäcke und Streicheleinheiten in der Familie.

Die spezifische Verwendung von Material und Farbe liefert ein weiteres Beispiel dafür, wie Clemencia das Spiel gestaltet. Ihr Werk wechselt mühelos von einem Material zum anderen, von einem Thema zum anderen, bewegt sich gleichzeitig durch verschiedene Stile und Techniken und macht Ironie und Humor zu Leitmotiven. Lycra und andere elastische Gewebe, Polyester, Styroporkugeln, bunte Fäden und Füllmaterial vermischen sich mit Acrylfarbe. Sie modulieren und trennen, kollidieren miteinander, mäandern und fließen in Satin, Streifen, Punkten und Blumenmustern über dreidimensionale Formen, die den Betrachter gefangen nehmen und verführen. Mi Cocina ist eine Installation, die großzügig mit Materialien spielt. Nachbildungen von Alltagsobjekten werden zu Parodien des Nützlichen und Kommerziellen. Sie spielen auf die Bestimmung von Konsumgütern an und lassen uns in Erinnerungen an wohlvertraute Haushaltsgegenstände schwelgen. In dieser Arbeit kommentiert Clemencia die Konzepte von Funktion und Nützlichkeit mit einer unzähmbaren Spaßeslust, die uns animiert, die Objekte als das zu genießen und zu berühren, was sie sind. Mithilfe dieses Verwandlungsspiels verändert sie den Gegenstand und macht ihn überlebensgroß, während sie zugleich seine Originalform beibehält. Labin ermutigt uns, Alltagsgegenstände in einem völlig neuen Licht zu betrachten, Dinge, die wir täglich sehen, aber nie wirklich betrachten. Sie hinterfragt die Natur eines Kunstwerks und seine Rolle in der heutigen Gesellschaft, möchte die ästhetische Erfahrung jedoch auch auf das Reich der Sinne ausdehnen, auf das Fühlbare. Aus diesem Grund richtet sich ihr Werk sowohl an das Auge als auch an den Tastsinn. In diesem Experiment sind alle Materialien wichtig. Die Formen verwandeln sich in neue und einzigartige Körper, fast wie lebendige Kreaturen.

Im Verhalten der Materialien und Formen im Raum erkennen wir einen weiteren Aspekt des Spiels: Clemencias Arbeiten nehmen einen Raum nicht nur ein, sondern formen ihn in Beziehung zum Betrachter um. Auf betont poetische, rhythmische und musikalische Weise halten sie Zwiesprache untereinander und mit ihrer Umgebung. Sie fordern zur Bewegung auf und ermuntern den Betrachter, sich mit allen Sinnen auf sie einzulassen und so die persönliche Erfahrung aufzuwerten. Die Anwesenheit von Farbe betont ihrerseits die Vielfalt der unterschiedlichen Formen und ruft dabei im Betrachter unterschiedliche Stimmungen hervor. Mithilfe chromatischer Spannungen drückt die Künstlerin ihre unendlichen kompositorischen Möglichkeiten aus, bringt Konstrukte durcheinander und regt die Fantasie und das Vorstellungsvermögen an.

Der Sinn fürs Spielerische manifestiert sich schließlich in den Gegensätzen, die in den Bestandteilen dieser Arbeit zum Ausdruck kommen. Clemencia wechselt frei vom Abstrakten zum Figurativen: Ihre massiven, rundlichen, verspielten Formen werden zu Objekten und Säulen. Sie führt uns in einen organischen, aber extrem strukturierten Raum; das Zufällige existiert Seite an Seite mit dem Geometrischen, das Geordnete mit dem Ungeordneten; Vertrautheit vereinigt sich mit Humor und Ironie, Chaos mit Disziplin; Volkstümliches und Kitsch, tropischer Barock, Heimisches und Lokales, aber auch sehr persönliche und familiäre Bilder aus der Kindheit gehen Hand in Hand mit der Universaltradition der westlichen Kunst. Die enorme assoziative Bandbreite wird von keinerlei ästhetischen Fesseln behindert.

Dieser spielerische Austausch, dieses Befragen von Identität in Clemencia Labins Werk wäre ohne das Vorhandensein eines symbolischen Inhalts, der das Bestreben der Künstlerin mit den Erwartungen des Publikums vereinigt, nicht möglich. Symbol ist ein technisches Wort aus dem Griechischen und bezeichnet in seiner ursprünglichen Bedeutung eine „Erinnerungsscherbe“: „Ein Gastfreund gibt seinem Gast die sogenannte, tessera hospitalis‘, d. h., er bricht eine Scherbe durch, behält die eine Hälfte selber und gibt die andere Hälfte dem Gast, damit, wenn in dreißig oder fünfzig Jahren ein Nachkomme dieses Gastes einmal wieder ins Haus kommt, man einander im Zusammenfügen der Scherben zu einem Ganzen erkennt. Antikes Passwesen: Das ist der ursprüngliche technische Sinn von Symbol. Es ist etwas, woran man jemanden als Altbekannten erkennt.“[2] Die Vorstellung, den anderen anhand von Fragmenten der eigenen Identität zu erkennen, macht den sprachlichen Ursprung des Symbols in vielerlei Hinsicht interessant. In diesem Fall bilden unsere eigene Erfahrung, unsere eigenen Spiele und unser eigenes Alltagserleben das symbolische Fragment. Unsere eigene Identifikation mit diesen weichen, flauschigen, streichelbaren Objekten lässt zu, dass wir am Spiel der Künstlerin teilhaben und uns gespiegelt sehen, auf die gleiche Weise, wie der Gastgeber seinen Gast in der Scherbe erkennt. Die tiefe Erfahrung des Erkennens lässt sich auf die Erfahrung des Schönen übertragen, die einen Prozess der Identifikation und (Wieder‑)Begegnung mit einem anderen Fragment (unseren Erinnerungen und Gefühlen) einfordert. Dieser Prozess vollendet den Beziehungskreislauf, den Labin in ihrem Spiel der Gegensätze anstößt. Jeder einzelne Baustein ihrer Installationen ist eine Welt in sich. Der von ihnen ausgehende Code enthält eine tief greifende existenzielle Botschaft, eine Einladung, das Leben zu genießen und mit der eigenen inneren Welt im Dialog zu sein. Auf diese Weise können wir alle, ausgehend von unseren Assoziationen mit den symbolischen Inhalten, unsere eigenen Codes erstellen.

Spiele und Symbole kommen uns näher, wenn wir sie mit Festen und den damit einhergehenden Feierlichkeiten verknüpfen. Die einhüllenden Installationen bereiten uns vorab auf einen Festverlauf vor, der den Betrachter zur Teilnahme animiert. Die Fiesta, das Fest, entführt uns in eine andere Zeit, eine Zeit der Wonne, der Geselligkeit und der Lebensfreude. Clemencia erwählt ihre eigenen Aktionen zu Momenten der Fiesta. Seit der Zeit ihrer ersten Installationen sind Performances ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit, farbenprächtige Rituale, die unter ihrer sorgfältigen Regie beim Betrachter unvergleichliche Gefühle wecken. Sie arrangiert diese Aktionen wie „lebende Gemälde“ oder Tableaux vivants, in denen sie sich selbst mit Masken und Glücksbringern umgibt, Attribute und Klischees umdeutet und Dresscodes oder soziale Verhaltensweisen neu interpretiert. Die Künstlerin wird zur Skulptur, zur Heiligen, zur Madonna oder verschmilzt schlichtweg mit dem Werk.

Wie Clemencia selbst betont, gehen diese Aktionen direkt auf die religiösen Feiern und Volksfeste in ihrer Geburtsstadt Maracaibo zurück, wo „Performance“ zum Alltag gehört: „In meinen Performances begebe ich mich in das Werk hinein, bewohne es gewissermaßen und werde zum Teil der Komposition.“ Sie selbst – mit ihrem verspielten und jugendlichen Naturell, ihrer Aufmachung und ihren Outfits – scheint durchs Leben zu gehen wie eines ihrer Werke, und ihre Werke scheinen Teil unserer Alltagswelt zu werden. Das ist ihre Art, in ihrer Kunst zu leben, sich körperlich in ihr Werk einzubringen und das Leben zu feiern, als wäre es ein Gemälde in Bewegung. Auf diese Weise dehnt Clemencia Labin die künstlerische Tätigkeit auf alltäglichere Tätigkeiten aus, um die Sinne und das Leben selbst zu bereichern.


[1] Vgl. Hans-Georg Gadamer, Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest, Stuttgart: Reclam, 2012.

[2] Gadamer 2012 (wie Anm. 1), S. 51.