Sind das wirklich Körper auf den Zeichnungen von Kolenc? Erfindet hier ein Künstler „seine“ Chemie, Physik oder Biologie, so wie jede Wissenschaft den Gegenstand ihrer Untersuchung eigentlich selbst erfindet? Diese Feststellung erscheint für die Naturwissenschaft ungewöhnlich, ist aber für die Kunst selbstverständlich, da die Kunst sich aus dem Reich der Phantasie speist, auch wenn sie dabei den Regeln der Vernunft folgt. So zeichnen auch die Linien des Bleistifts bei Kolenc quasi die Eigenarten virtueller Organe erfindend nach, die irgendwo ihren Lebensraum haben; man weiß nicht genau, wo dieses Biotop sein könnte. Es formen sich anthropomorphe Gestalten, die Linienorganismen verbinden sich, tauschen sich aus, haben so etwas wie Sex miteinander, aber bekämpfen sich auch. So können sie Krieger oder Opfer werden, Ritter oder Gefolterte, das alles ist möglich, der
Bleistift als eine Art Seismograf ist auf Empfang...
Aber wer oder was sendet? Die Gurke aus dem Supermarkt? Der Mythos? Das Mittelalter? Die Zukunft? Kommen da Botschaften aus einem übersinnlichen Reich? Und wer empfängt eigentlich? Die Person des Künstlers? Ein Subjekt? Ein Gehirn? Ein Körper oder eine Seele? Das Blatt Papier? Die DNA? Wohl eher ein offenes Gefüge aus all dem und noch mehr.
Das alles kann man nicht dingfest machen, aber es entsteht etwas, soviel kann man sagen. Die Zeichnung ist das fixierte Dokument der Austauschprozesse eines Sender-Empfänger-Kombinats und gerät als dieses zeigende Dokument in weitere Austauschprozesse, etwa durch die Betrachtung in einer Ausstellung. Sollte man das Kommunikation nennen? Ist das Unterhaltung? Vielleicht... Die Gebilde zeigen sich zwar, aber sie teilen sich nur unverständlich mit. Oder sagen wir es so: Auch wenn sie ihren Sinn nicht willentlich verbergen, denn dazu gibt es keine Absicht, etwa als Künstlerstrategie, so verfügen sie trotzdem über nichts, was man einen Inhalt nennen könnte. Im Sinne von: Dies hier ist ein Regelkreis, analysiere ihn und Du weißt, wie etwas in der Welt funktioniert.
Die empfindsamen, mitunter gegliedert konstruierten Korpuskel und Behälter auf den Zeichnungen von Kolenc sind auch Wiedergänger. Der Künstler sollte einen guten Kontakt zu ihnen pflegen, sonst wird das noch aufdringlich. Aber ohne diese beharrliche Wiederkehr könnte man nicht ihrer Evolution folgen. Wobei der Begriff Evolution hinkt, bzw. tut er das nicht, wenn man Evolution anders als eine zweckmäßig orientierte Entwicklung denkt. Die Zeichnungen sind seriell, weil ja auch permanent gesendet und empfangen wird. So haben sich die Gebilde im Laufe der Zeit von sehr dichten, fast schon malerisch blattfüllenden Linienstrukturen erstmal zu offenen Gefäßen entleert, um sich dann wieder mehr zu verdichten, als ob es da ein Pulsieren in der Zeit gibt. Zuletzt treten so etwas wie anthropomorphe Puppen zu Tage. Tatsächlich erkennt man Gesichter, so, als ob uns da etwas sein Antlitz zeigen will...
Ich erinnere Zeichnungen von Aleksandar, da tauchte immer wieder das Wörtchen Hallo auf. Wo es nichts zu verstehen gibt, gibt es doch viel zu vernehmen. Im Vernehmen geht es mehr um eine Anwesenheit, etwas zeigt sich und äußert sich damit. Einen anderen Menschen verstehe ich ja auch nicht und viel weniger wohl noch mich selbst. Trotzdem drücken wir uns aus, haben unsere Gesichter immer einen Ausdruck.
Ganz einfach: Schaue ich mir die „Organismen“ auf den Blättern von Kolenc an, sehe ich nicht, kann ich gar nicht sehen, wie sie funktionieren. Das geben die nicht her, denn über Funktionen, die man erklären könnte, verfügen sie nicht. Es verbinden sich zwar Röhren miteinander, aber es bleibt immer offen, wozu sie dies tun. Oder da deuten Punktefelder so etwas wie eine Bestäubung an, aber was wird hier gezeugt? Und wer oder was sagt mir überhaupt, dass das eine Bestäubung ist, das kann auch etwas anderes sein, z.B. eine Explosion. Diese Gebilde und Felder sind bedeutungsoffen. Sie sind organisch, weil sie im Zeichnungsprozeß wachsen, das schon, auch im Sinne einer Lebendigkeit, die sich aber mit Sicherheit von einer naturwissenschaftlich beschreibbaren Vitalität unterscheidet.
Sind diese Zeichnungen aber durch diesen Unterschied tröstlich, verweisen sie auf etwas übersinnliches, sogar auf ein Leben nach dem Tod oder eine Seele, die einst die sterbliche Hülle des Körpers verlassen wird, um von ihm losgelöst ein anderes, vielleicht ihr eigenes Leben zu leben? Ist das hier eine Kartographie des Paradieses? Wohl kaum, denn dafür sind die Zeichnungen teils zu grausam, sie sind auch nüchtern, lassen alles mögliche zu, gleichen da wohl am ehesten interessanten, fremden Mineralien, Pflanzen oder Tieren; ihre Schönheit rührt eben daher, dass sie sich, eigenständig wie sie sind, gar nicht um meine vermeintlichen Phantasien oder Wünsche kümmern. Ich als Betrachter bin diesen Blasen und Korpuskeln völlig egal. Da geht es eher so unverständlich wie im Urwald zu, da sitzt auch ein giftig schillernder Frosch auf einer essbaren, köstlichen Frucht. Und man fragt sich: Wozu all dieser Überfluss, all diese Zusammenhänge, dieses verbundene Leben, fressen und gefressen werden, macht diese Verschwendung für den menschlichen Verstand Sinn? Da kommen vehemente Zweifel auf... Süßes Gift in einem Wald, den Du vor lauter Bäumen nicht sehen kannst.
So ähnlich ist der Künstler in seine Werkprozesse verstrickt, so ist der Mensch in die Geschicke der Welt eingelassen, dabei „natürlich“ um Verstehen bemüht; und er wird dabei von Organisationen und Systemen eingeordnet und gelenkt, manipuliert. Aber die Kunst, bei aller Programmierung, nennt sich frei, weil sie sich immer wieder befreien will... sie kann nur so (Be-)Deutungen öffnen, sie kann dann ungesicherte Perspektiven zulassen und aushalten, damit nicht alles restlos festgelegt und ausgebeutet wird. Erst das ermöglicht eine sinnliche Evolution dessen, was der Mensch noch werden kann. Oliver Ross, 2017
Aleksandar Kolenc, Ausstellungsansicht, RESONANZKÖRPER, 2017
 
 
Aleksandar Kolenc, Ausstellungsansicht, RESONANZKÖRPER, 2017
 
 
Aleksandar Kolenc, Ausstellungsansicht, RESONANZKÖRPER, 2017
 
 
Aleksandar Kolenc, Ausstellungsansicht, RESONANZKÖRPER, 2017
 
 
Aleksandar Kolenc, Ausstellungsansicht, RESONANZKÖRPER, 2017