„Die Stifte hatten das Wort“ (28.10.94) Oder: „Selbstporträ als: 60) Apriladepten“ (13.11.94)

Zu den Zeichnungen aus dem JAHRBUCH I, II, III

Allein der Kontext, aus dem die Blätter stammen, klärt, dass den Betrachtenden keine als autonom zu bezeichnenden Werke vorgeführt werden, die sorgsam von der Künstlerin oder Galeristin aus einem größeren Fundus ausgewählt wurden.  Bei den gezeigten Zeichnungen handelt es sich stattdessen um eine Auswahl an Blätter aus dem Jahrbuch I, II und III. Andrea Tippel notiert als eigenen Anspruch an das erste Jahrbuch: Es „ist eine Übung im täglichen Überlegen, gedanklichen Verknüpfen und Notieren. Es entstand nach dem Konzept: ein Jahr lang jeden Tag eine Zeichnung, einen Tag lang jede Stunde eine Zeichnung, eine Stunde lang jede Minute eine Zeichnung, eine Minute lang jede Sekunde eine Zeichnung.“ (Das Andrea Tippel Heft 1992, S. 1) Bei den Blättern handelt es sich folglich um Tagesnotizen „gezeichneter Beobachtungen“ (ebd.), also um tagtäglich vollzogene Exerzitien, die das situativ Erfahrene in visuell verdichtete Erfahrungen transformieren. Ein teleologisches oder systematisches Erklären oder Mitteilen ist nicht die Intention dieser Art des Zei/chn/g/ens, vielmehr steht der Prozess des Übersetzens im Vordergrund.

Dieses in einem Denk-/Beobachtungsprozess-verstrickt-Sein lässt sich auch an den einzelnen Zeichnungen mitverfolgen: Nicht jeden Tag fällt einer_m etwas anderes ein, nicht jeder Tag kann mit etwas Herzeigbarem gefüllt werden. So tauchen Zeichnungen auf, die „eingesetzt sind“ für ein Datum – es handelt sich also gewissermaßen um Tages-Fakes – als auch Variationen von Themen und Titeln, die in der Zeit zuvor entwickelt wurden. Dabei ist aber aufschlussreich, dass ein Aspekt des täglichen Transformierens wiederkehrt: Es ist die Auseinandersetzung mit dem Selbst mittels Sprache – hier in Form des geschriebenen Kürzels „a.t.“ oder der Permutation des ausgeschriebenen Namens „Andrea Tippel“. So wird in einer langen Reihe von „Selbstporträ’s“ der eigene Name zu fremden Personen wie „Antidepp Lear“ und „Daniela Trepp“, zu Gegenständen wie „Aladintreppe“, „‘n Papierdelta“ und „da! Lappentier!“ anagrammiert. Diese Selbstneumontagen in Form von Anagrammen werden weiter übersetzt – wie sieht also das eigene Selbst als  „Aladintreppe“ aus? Wie als „‘n Papierdelta“?

Mit dieser fröhlichen Multiplizierung des Beobachterinnensubjekts stellt Andrea Tippel ein als ein mit sich identisches Selbst, welches über einen Wesenskern verfügt, in Frage und subjektiviert sich stattdessen in variantenreichen Bausteinen sowohl als Gegenstände und Personen neu. Dabei führen die Zeichnungen auch ein verteiltes Konzept des Beobachtens vor: Nicht Andrea Tippel ist es, die immerzu autoritär den Stift führt und die Zeichnung vorher denkt, die sie wiederum aus ihrem Aufmerksamkeitsstrom und ihrer Verstandesleistung gefiltert hat. Vielmehr übernehmen immer wieder das Papier, die Stifte, die Intelligenz der gelehrten Hand das Regiment und verweisen die Zeichnerin auf das situative Zusammenspiel von Objekt und Subjekt – so verbietet etwas im Imperativ „Psst! Lass das! Jetzt nicht zeichnen!“(26.6.91) oder es hatten „Die Stifte (.) das Wort“ (28.10.94). Jede Zeichnung stellt uns damit eine Form von Subjektivierung vor, welche ein Entwurf von Welt macht, täglich anders. (Marc Schulz)

Quellen:
Das Andrea Tippel Heft. Verlag Barbara Wien 1992.
Jahrbuch I 1988 – 89. s/w Kopieband. Selbstverlag Berlin 1989.
Jahrbuch II 1991 – 92. s/w Kopieband. Selbstverlag Berlin 2009.
Jahrbuch III 1994 – 95. s/w Kopieband. Selbstverlag Berlin 2009.
Andrea Tippel, DIE STIFTE HATTEN DAS WORT: (28.10.94), 29,7 cm x 21 cm
 
 
 
Andrea Tippel, alle Wörter! (23.11.94), 29,7 cm x 21 cm
 
 
 
Andrea Tippel, machen (...) (8.1.95), 29,7 cm x 21 cm
 
 
 
Andrea Tippel, DIES IST DAS ZIMMER - DAS IST DER REST (19.7.91), 29,7 cm x 21 cm
 
 
 
Andrea Tippel, Stadt - statt - Himmel (...) (1.7.94), 29,7 cm x 21 cm
 
 
 
Andrea Tippel, Wie man Inseln und Teiche macht; und Wolken (...) (27.2.92), 29,7 cm x 21 cm
 
 
 
Andrea Tippel, ACH WELT (8.11.94), 29,7 cm x 21 cm
 
 
 
Andrea Tippel, 4! (...) (26.9.94), 29,7 cm x 21 cm
 
 
 
Andrea Tippel, WORT & HUND, (23.10.94), 29,7 cm x 21 cm
 
 
 
Andrea Tippel, CAME LION! (...) (12.7.91), 29,7 cm x 21 cm
 
 
 
Andrea Tippel, PROTOSELBSTPORTRAITS: (27.12.94), 29,7 cm x 21 cm
 
 
 
Andrea Tippel, SCHWEIGEN (12.2.92), 29,7 cm x 21 cm
 
 
 
Andrea Tippel, IMMERHIN: EINEN ECHTEN APFEL KANN MAN IN SOWEIT ZEICHNEN, ALS MAN SEIN
WORT SCHREIBT (...) (9.7.94), 29,7 cm x 21 cm
 
 
 
Andrea Tippel, ACH SO! Das Birnenhündchen (12.1.92), 29,7 cm x 21 cm
 
 
 
Andrea Tippel, S NDROM KOMPLE PERSPEKTI E RAUM (6.1.92), 29,7 cm x 21 cm
 
 
 
Andrea Tippel, Mißglücktes Selbstporträ als ALADINTREPPE (31.10.94), 29,7 cm x 21 cm
 
 
 
Andrea Tippel, DIE DINGE DURCHKREUZEN DIE WÖRTER (...) (20.7.94), 29,7 cm x 21 cm
 
 
 
Andrea Tippel, ACH WELT (14.11.94), 29,7 cm x 21 cm