Unsere Tautologen sind wie Hundehalter, die plötzlich an der Leine zerren: Das Denken darf nicht zuviel Auslauf bekommen, die Welt ist voller verdächtiger und vergeblicher Alibis, man muss seinen Grips beisammen halten, die Leine bis auf die Entfernung eines berechenbaren Realen kürzen.
(Roland Barthes)
 

In der Ausstellung stehen eine Anzahl kastenartiger Styroporvolumina in einem Raum, der mit Rindenmulch ausgestreut ist, die Objekte sind, Nutztieren ähnlich, locker mit Leinen oder Seilen an die Wand gebunden, hier und da gibt es Banner mit Textsequenzen von Adorno, die sich mit dem dialektischen Verhältnis von Subjekt und Objekt beschäftigen, es wird ein Heft verkauft, das „Tiere halten“ heißt.

Galeriehäuser sind ist wie Kommoden, adrette Möbel mit unterschiedlich zugeschnittenen Schubladen, deren diverse Inhalte bei der Durchsicht in eine Vergleichsstellung geraten. Doch die Anmutigkeit dieser Kulturform darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Kunst so nur exemplarisch, zeitweise und sporadisch niederlässt. Die Weite der Kunst lässt sich auch an ihrem Fehlen ermessen. Das Nebeneinander der Abstract Anymals greift die Härte der Vergleichsstellung auf. 

Duldsamkeit, enthaltsame Verdrossenheit des abwartenden „Objekts“ kommt dem Redebedarf des „Subjekts“ zuvor. Erduldung führt lautlos vor, schiebt nach vorne, präsentiert, exponiert im fragilen Raum, was sich selbst zuvorkommt. Dieses Schweigen muss daher sorgsam betreut werden. Aber nicht ein Stellplatz im Kuhstall der Geschichte ist hier das Maß, sondern das Stehen selber, ein Herumstehen. Ver-stehen wenn man so will, oder be-stehen, besser noch ent-stehen, so wie ent-lassen, lässig (Leine heißt auf Französisch laisser, Lassen).

Wir dürfen nicht vergessen, in welch abfälliger Weise der Begriff „Subjekt“ im dritten Reich verwendet wurde. Was vorsätzlich nur sich selbst und nicht dem Führer unterstellt war, weckt bis heute Argwohn. Andererseits scheint die vermaledeite „subjektive Sicht“ nur noch der behinderte Bruder des Objektiven zu sein. Tatsächlich ist sie eine Anspannung, die dem Herumtasten im logischen Dunkel geschuldet ist, dort wo man der ästhetischen Ambition des Sinns direkt am Sinnlichen nachzukommen trachtet.

Etwas, ein Etwas, anything, irgendein Etwas, ein herumstehendes Irgendtier/Anymal, Kunsttierhaltung mit Bindung an die Weltwand, Nachbarschaft, Verräumlichung, atmosphärischer Geruch. Normal gilt: Herabsetzung des herumirrenden Irgend vs. Würdigung des Haustiers mit Namen. Daher zur Erinnerung die Broschüre „Tier halten“.

Kunst aber sorgt dafür, dass irgendwie immer noch irgendetwas Weiteres entsteht und so das Any- als Motor oder Trieb die Zerstreuung der Dinge ins Irgendwo vorantreibt, allein schon mittels der Tatsache, dass die Dinge unterschiedlich auftreten und so das Versprechen anheizen, dass es die Welt als oder durch ein Zusammen von Verschiedenem gibt, jenseits aller Sozio-logiken, die immer alles sofort der „Gemeinschaft“ unterordnen. O.k., es gibt auch den Todestrieb, aber dazu mehr in den Abendnachrichten.

Simon Starke, Ausstellungsansicht, ABSTRACT ANYMALS (Teil 1: betreutes Schweigen), 2016
 
 
Simon Starke, Ausstellungsansicht, ABSTRACT ANYMALS (Teil 1: betreutes Schweigen), 2016
 
 
Simon Starke, Ausstellungsansicht, ABSTRACT ANYMALS (Teil 1: betreutes Schweigen), 2016
 
 
Simon Starke, Banner (mit Erwägungen), Auflage 3 plus 1 Künstlerex., Textildruck mit Aufhängung, 120 x 40 cm, 2016
 
 
Simon Starke, o.T., (Burger), Styroporobjekt auf Holzpalette mit Hundeleine, 105 x 70 x 68 cm, 2016
 
 
Simon Starke, o.T., (Heizung), Styroporobjekt, Metallfüße, Griff und Draht, 50 x 93 x 28 cm, 2016
 
 
Simon Starke, o.T., (Höhle), Styroporobjekt mit Schriftzug, 202 x 150 x 105 cm, 2016
 
 
Simon Starke, o.T., (Architekturmodel), Styroporobjekt mit Hanfseil, 130 x 58 x 55 cm, 2016
 
 
Simon Starke, o.T., (Kühlschrank), Styroporobjekt mit Holzgriff auf Möbelgestell und schwarzem Seil, 100 x 124 x 50 cm, 2016
 
 
Simon Starke, o.T., (Tischliege), Styroporobjekt mit Holzbeinen und Jute-Seil, 99 x 84 x 50 cm, 2016
 
 
Simon Starke, o.T., (Regal), 2-stufiges Regal mit 10 Objekten und Kabel, 103 x 118 x 33 cm, 2016