Oliver Ross

Einige Vital-Klappen mit kontinentalem Müslibesatz und vermittelnden
Textilien in deko-rationaler Gestaltung als Ausdruck einer anti-kulturellen Ästhetik

Eröffnung: 30. Juni 2022, 18:00 - 22:00 Uhr

Einige Vital-Klappen mit kontinentalem Müslibesatz und vermittelnden Textilien
in deko-rationaler Gestaltung als Ausdruck einer anti-kulturellen Ästhetik

Vitalität heißt, die Seiten wechseln zu können, ohne sich dabei zu beliebig verlieren. Die Scharniere ermöglichen dies, rechte Seite: Gabbeh-Teppich, linke Seite: Collage im euro-amerikanischen Stil (Westkunst). Hängt man das Objekt mit dem Titel Kulturklappe mit englischer Socke als Vermittler*in andersherum auf, dann wird links zu rechts. Dazwischen aber ist immer die Achse.

Das Spiel der Vorder- und Rückseiten: Hier klappt einiges. Die Collage-Ästhetik eines freien Layouts (Prinzip Pizza) bestätigt dabei keine gelungene Kulturleistung, sondern ist durch ihr organisches Wachstum schön, weil es immer ins Ungewisse strebt. 

Kultur, Ost oder West, Nord oder Süd, wird in dieser Ausstellung nicht als identitätsstiftend vorgeführt, sondern als etwas, um das es in der Kunst gar nicht geht. Die experimentiert in Aneignungen von Form- und Farbgebungen stets ins Offene hinein. Sonst könnte sie gar nicht leisten, wozu sie fähig ist: Eben das Identitätsbestreben durch künstlerische Freiheit ersetzen und dabei zeigen und vorführen, dass diese nicht beliebig ist. (Text: Oliver Ross)

30. Juni – 31. Juli 2022

Öffnungszeiten nach Vereinbarung

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Robin Hinsch - KOWITSCH 
 
Ausstellungsdauer 3. - 29. Juni 2022
 
Finissage: 30 Juni, 18:00  - 21:00 Uhr
 
Öffnungszeiten: Mittwoch - Freitag 15:00 - 18:00 Uhr und Samstag 13:00 - 15:00 Uhr
 
Robin Hinsch – Kowitsch 2010-2022
Text: Nadine Isabelle Henrich

Das fotografische und filmische Projekt KOWITSCH entstand 2010 bis 2022 in einer Nation, die in der jüngsten Geschichte und Gegenwart wie keine eine andere in Europa durch Grenzverschiebungen und damit verknüpfte Kriege geprägt ist. Die Ukraine liegt in einem Gebiet, das von »Phantomgrenzen« durchwirkt ist, »frühere, zumeist politische Grenzen oder territoriale Gliederungen, die, nachdem sie institutionell abgeschafft wurden, den Raum weiterhin strukturieren«. Diese werden heute von russischer Seite als Narrativ einer schlummernden russischen Identität zur Legitimierung des Angriffskrieges, der militär- und machtstrategische Ziele verfolgt, politisch instrumentalisiert. KOWITSCH lädt dazu ein, den Blick und die Aufmerksamkeit in der Zeit ausdehnen. Die Aufnahmen zeigen die kriegerische Zerstörung anonym wie eine Flut oder einen Vulkanausbruch, denn der „Gegner“ bleibt in den meist einsamen Szenerien ungesehen. Die Geschosse, abgefeuert aus der Ferne und motiviert durch machtstrategische Überlegungen des Kreml, schlagen in die Wohnviertel und Einkaufszentren der portraitierten Menschen ein, die Robin Hinsch seit 2010 fotografiert hat.

Der Kontrast zwischen moderner Architektur, einsamer Stadtlandschaft und Zerstörung assoziiert  Szenen aus dystopischen Filmen. Denn nicht die Wirklichkeit, sondern primär das Kino Hollywoods produzierte in den letzten zwei Jahrzehnten Bildwelten, in denen Menschen in Europa und mit „westlichem“ Lebensstil von Krieg und Zerstörung dieses Ausmaßes betroffen sind. Entkleidet steht die Shopping und Business Mall Retroville als offenes Gerippe auf einem weiten, von Trümmern und Rauch übersäten Platz in Kyjiv. Seit 2020 bildete sie das neue Shoppingerlebnis der Stadt, bis sie am 20. März 2022 vom russischen Militär durch einem Raketenangriff zerstört wurde, bei dem acht Menschen ihr Leben verloren. Die offen stehende Tür eines zurückgelassenen Van sowie die aufgerissene Curtain Wall des Hochhauses starren wie aufgerissene Augen unter dem hellblauen Himmel ins Sonnenlicht. Eine weitere Aufnahme eines Einkaufszentrums in Kyjiv zeigt die eingestürzten Metallstrukturen des Warenhauses der Lavina Mall. Die Komposition zeigt unterschiedliche Ebenen des Materials, verbogene Metallstrukturen von denen noch Rauch aufsteigt und die wie Hügel im Nebel anmuten. 

Die Normalität in einem Land, das der Austragungsort von übergeordneten globalen Machtinteressen ist, und der Alltag in einem Zustand der Spannung, Bedrohung und Unsicherheit manifestiert sich in den Portraits durch Menschen mit klarem Blick, die Selbstbestimmung, Resilienz, Trauer und Hoffnung zum Ausdruck bringen. Die öffentliche Aufmerksamkeit sowie das individuelle Gefühl gegenüber dem Leiden Anderer, betroffen von kriegerischen und politischen Handlungen, ist nicht normiert. Es variiert in dem Maße, in dem sich die Betrachter:innen mit den Menschen spiegelnd identifizieren, sich in ihnen wiederkennen. Empathie ist keine universale oder neutrale Währung, sie ist vielmehr selektiv, denn sie folgt u.a. dem Bias subjektiven Ähnlichkeitsempfindens. Seine Forschung zu den Verhaltensmustern emphatischer Handlungsimpulse veranlasste den Psychologen Paul Bloom deshalb zur Publikation mit dem programmatischen Titel Against Empathy: The Case for Rational Compassion, in der er emphatische und moralische Zugänge differenziert und zu einem reflektierten Umgang mit emphatischen Gefühlen rät. Diese Biases räsonieren im Umkehrschluss in den Mechanismen von Othering, die Konstruktion eines:r Anderen, dem:r keine Empathie verdient, wie sie die Fotografie sowohl reproduzieren wie dekonstruieren kann. In den Aufnahmen von Robin Hinsch gibt es keine Fokussierung und Überzeichnung von Leid und es sind weniger die physischen Eigenschaften der Portraitierten, als oftmals Berührungen und sensorische Erfahrungen der Dargestellten, die in den Vordergrund treten. Das Streicheln des Kopfes eines Hundes, das Reiten eines Pferdes, das Anlehnen an einen Baum und das Sitzen in seinem Laub, evozieren in den Betrachtenden eigene Erinnerungen. Es sind omente des Kontakts, der Vergewisserung präsent zu sein und Gesten der Verbundenheit, die auch durch politische, propagandistische Narrative in ihrer Wirkkraft nicht zu schwächen sind.

Ein Doppelportrait aus dem Jahr 2012, aufgenommen in Belgorod, zeigt einen besonderen Jungen mit einem Hund. Besonders ist sein Blick, gleichsam scheu wie selbstbewusst. Er will mit seiner sperrigen Eleganz nicht recht in den leeren Parkplatz hineinpassen, der ihn und den Hund an seiner Seite architektonisch rahmt. Der ruhige Körperkontakt mit dem Tier, das den Kopf an die Hand Daniels hält, sowie sein direkter Blick in die Kamera, aus mittlerer Entfernung, lässt die beiden als souveräne Einheit erscheinen. Daniel, der Theaterregisseur werden möchte, hat sich bewusst für dieses Bild entschieden, es ist seine souveräne Inszenierung im Dialog mit dem Fotografen. Zur Entstehungszeit der Aufnahme vielleicht 10 Jahre alt könnte Daniel heute 20 und damit wehrpflichtig sein. Robin Hinsch gibt seinem Gegenüber im doppelten Sinne Raum. Kompositorisch stehen die Akteur:innen seiner Portraits frontal, aufrecht und mit klarem Blick in ihrem alltäglichen Umfeld, das im fotografischen Bild zur Bühne ihrer Präsenz und Existenz wird. Der Fotograf tritt einige Schritte zurück, wodurch der freie Umraum die Protagonist:innen rahmt und ihnen eine Zone der Souveränität und Ruhe schafft. 

Teils verschmelzen in den Protagonist:innen der Fotografien Elemente von Jugendkultur wie Sport, Gaming und Internetphänomene mit den Konflikten gesellschaftlicher Wirklichkeit. Eine Aufnahme am Ort der Maidan Revolution von 2014 zeigt einen jungen Mann der Maidan Self-Defense, gekleidet in einer Mischung aus Eishockey-Sportkleidung, einem schwarzen Schild und einer Eisenstange, die er wie eine Ritterrüstung trägt. Eine Gasmaske sowie ein Palituch um den Hals, trägt er dazu auf dem Stahlhelm eine orange verspiegelte Motorcross-Brille. In seiner Montur und Pose gleicht er einer Figur aus dem action-adventure Game MadMax. Diesen hybriden Effekten, in denen sich die Ästhetiken digitaler Bildwelten und ihre Inszenierungspraktiken in die Handlungen der Gegenwart einschreiben, und den virtuellen und realen Raum in Beziehung setzen, spürt die Serie KOWITSCH fotografisch nach. Dadurch wird sie einer Generation gerecht, die ihre Lebenszeit sowohl in digitalen wie realen Gemeinschaften und eben allem was dazwischen liegt verbringt. 

In dem Gitter eines Bauzaunes steckt ein Metallfragment wie ein grauer Vogel in einem Fangnetz. Diese Fetzen eines Munitionskörpers zielen auf die Verwundung der Gegner auch durch das Streuen von Splittern. Das Fragment der Munition wird hier als Puzzlestück eines größeren Ganzen lesbar. KOWITSCH nimmt Menschen und Räume in den Blick, die mit dem größeren politischen Geschehen in Verbindung gebracht werden könnten, die jedoch auch Fetzen von individuellen Lebensgeschichten erzählen. Die narrative Ebene bleibt jedoch offen - es gibt nur das eine Bild, keine Bildserien, die Protagonist:innen begleiten und ihr Leben in seinen diversen Aspekten abzubilden suchen. Es sind vielmehr Begegnungen am Wegesrand. 

Die Filmarbeit spitzt diese Praxis der zufälligen, vielleicht schicksalhaften Begegnung zu und dehnt sie in der Zeit aus. Die Arbeit zeigt im Rhythmus einer Diashow Aufnahmen gefundener analoger Fotografien, von Robin Hinsch fotografiert auf grauem Archivkarton. Seine Fotografien geben den gefundenen Bildern aus verschiedenen Jahrzehnten ukrainischen Alltags viel Raum, der sie als kleinformatige, handliche Fotografien aus privaten Alben, Archiven des Alltags, ausweist. Bei 19:50 min ist ein Gruppenportrait von drei Teenager-Freundinnen beim Picknick in der Natur zu sehen. Sie sind vielleicht für die Aufnahme noch enger zusammengerückt, lehnen aneinander auf ihrer Picknick-Decke im Freien. Die Diskrepanz zwischen Jugend, Leben, Freundschaft und dem Krieg spannt sich in diesem wie zahlreichen anderen Bildfunden als unüberbrückbare Distanz auf. Wie die Tonspur des Soundtracks von Störgeräuschen durchbrochen wird, sind die privaten Archive von Soldatenportraits durchsetzt. Die von Schutt zerkratzten Schallplatten mit Songs aus der Ukraine, Belarus, Russland und Georgien, die hier vertont wurden, erhielt der Fotograf in einer ausgebombten Schule in Pisky mit den Worten „Take it, nobody listens to music here anymore.“ 

In einer anderen Aufnahmen sitzt eine junge Frau im späten Teenager Alter auf einem schwarzen Pferd. Im Hintergrund einige historische Häuser, Backstein-Kamine und durch den aufgebrochenen Asphalt unter ihnen ziehen sich Risse wie Bäche durch die schmale Straße. Aufgenommen in der Stadt Mariupol im Jahr 2015 erscheint die junge Frau zu Pferd heute wie ein heroisches, feministisches Reiterbildnis als Sinnbild einer jungen Generation, die in diesem Angriffskrieg um ihre Zukunft ringt. Diese gleichsam alltäglichen wie magischen Begegnungen an den Rändern urbaner Räume entwerfen ein Portrait junger Menschen, deren Wege sich mit politischen Unruhen, Widerstandstandsbewegungen gegen autokratische und autoritäre Tendenzen und militärischer Konfrontation kreuzen werden.

Das Heraufziehen des Erwachsenwerdens und das „Coming to age“ Lebensgefühl durchzieht die Bilder wie eine Spur Trotz, eingebettet in einen Kontext, dessen politische und militärische Agenda nur bedingt Raum für unbeschwerte Freiheit lässt. Wie es Lil Nas X ebenfalls zu Pferd rappt, Can’t nobody tell me nothing. You can't tell me nothing, spricht es aus diesen Bildern.

Hannes Grandits, Béatrice von Hirschhausen, Claudia Kraft, Dietmar Müller, Thomas Serrier: »Phantomgrenzen im östlichen Europa. Eine wissenschaftliche Positionierung«, in Ibid. Phantomgrenzen. Räume und Akteure in der Zeit neu denken, Wallstein-Verlag, Göttingen 2015, S.18.

siehe Paul Bloom, Against Empathy: The Case for Rational Compassion, Ecco Books, New York 2016. 

Der Begriff ›Othering‹ ist im Kontext der postkolonialen Theorie (Siehe Edward Said oder Gayatri C. Spivak) entstanden und bezeichnet einen permanenten Akt der Grenzziehung, der Kategorisierung und der Konstruktion »des:r Anderen« im Unterschied einem »Wir«.

 
Mit freundlicher Unterstützung der Mara und Holger Cassens-Stiftung.
Die Ausstellung ist als Satelliten Ausstellung Teil der Triennale der Photographie Hamburg.
 
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Parisa Azadi - Ordinary Grief
 
Curated by: Bettina Freimann (Âme Nue) in Zusammenarbeit mit Galerie Melike Bilir
 
Eröffnung: 27. Mai 2022 von 18:00  - 21:00 Uhr
 
Artist Talk: 04. Juni 2022 (mehr Infos in Kürze)
 
Ausstellungsdauer: 28. Mai - 12. Juni 2022

Öffnungszeiten: Mittwoch - Freitag 15:00 - 18:00 Uhr und Samstag 13:00 - 15:00 Uhr

In der Einzelausstellung “Ordinary Grief“ geht Parisa Azadi auf die Suche nach ihrer Identität, die zwischen Erinnerungen an traumatische Ereignisse im Iran und den rassistischen Ressentiments in Kanada oszilliert. Wie das Elend vergessen? Wie eine neue Bindung zu einem scheinbar verlorenen Ort aufbauen? Mit dem Medium der Fotografie hält sie nicht nur ihre eigene Agonie auf der Reise zu sich selbst fest, sondern auch die kollektive Ungewissheit, mit der die Menschen im Iran konfrontiert sind. Die Magie ihrer Perspektive liegt dabei in der Intimität der Alltagsszenen: Zwei Mädchen, die aus dem Fenster schauen, ein Bräutigam während seiner Hochzeit, Jungen, die sich im Schnee suhlen – und immer wieder die Kargheit der Landschaft und der Lebensumstände der Menschen. 

Mit freundlicher Unterstützung der Claussen-Simon-Stiftung und der Behörde für Kultur und Medien Hamburg. 

Die Ausstellung ist als Satelliten Ausstellung Teil der Triennale der Photographie Hamburg. 

 

Ladies and Gentlemen, liebes Kunstpublikum,
 
nach dem formidablen ersten Teil der von Ingeborg Wiensowski präsentierten Ausstellung „Hamburg, Hamburg, Berlin“, freuen wir uns jetzt auf das zweite Großereignis dieser Art:
Diesmal ist der Titel „Berlin, Hamburg, New York“ und wir können uns auf wahrhaft hochkarätige und interessante Künstlerpersönlichkeiten aus diesen drei Städten freuen, deren künstlerisches Schaffen seit einiger Zeit auf überraschende Weise miteinander verwoben ist.
 
Matt Dillon
Marcel Hüppauff
Philipp Lachenmann
 
Ausstellungsdauer: 12.03. - 08.04.2022
Öffnungszeiten nach Vereinbarung
 
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Sehr verehrtes Publikum, liebe Freundinnen und Freunde der Galerie, 

es gibt eine freudige Ankündigung:

Die nächsten zwei Monate in der Galerie werden im Zeichen eines freundlichen Takeover der 
Berliner Kunstgröße Ingeborg Wiensowski mit einem großartigen Programm stehen!

Der Start dieser besonderen Aktion ist bereits am Donnerstag, den 3. Februar:
Unter dem Titel „Hamburg, Hamburg, Berlin“ präsentiert Ingeborg eine Ausstellung mit den Künstler*innen

Jenny Feldmann
Christian Jankowski
Andreas Slominski

Ausstellungsdauer: 3. Februar - 24. Februar 2022
Öffnungszeiten: Donnerstag & Freitag von 14 - 18 Uhr und Samstag von 12 - 15 Uhr

Wir freuen uns auf Sie und Euch!
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Weitere Galerien Eröffnungen & verlängerte Öffnungszeiten am Donnerstag, den 3. Februar: 

Galerie Jürgen Becker 
Galerie Karin Günther 
Galerie Mathias Güntner 
Galerie Holger Pries 
Multiple Box 
Produzentengalerie Hamburg 
Sfeir-Semler Galerie
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Die Eröffnung erfolgt im 2G+ Modell:

Zutritt nur mit einem Nachweis über die vollständige Impfung oder den Status als Genesener Plus ein offizielles, tagesaktuelles und negatives Schnelltest-Ergebnis.
Von der Testpflicht sind im 2G-Plus-Zugangsmodell folgende Personen ausgenommen:

Schülerinnen und Schüler
Personen, die über einen Nachweis über eine Auffrischimpfung ("Boosterimpfung") verfügen
Geimpfte Personen, die nach ihrer vollständigen Impfung erkrankt und genesen sind und einen Genesenennachweis haben

Entsprechende Nachweise und Lichtbildausweis sind mitzuführen und vorzuzeigen. 
Es gilt die Masken-Pflicht im Innenraum.
Die Maßnahmen hat der Hamburger Senat beschlossen, wir bitten dies zu berücksichtigen.
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Robin Hinsch - ASANTULAN
 
Cordial invitation to the finissage of ASANTULAN on december 18 from 6 to 10 pm. We look forward to seeing you!

Please note that this event will be held under 2G rules, so make sure to bring your vaccination certificate or a recovery cerificate along with your identity card.
 

Ausstellung / Exhibition 11 Nov – 18 Dez 2021

ASANTULAN
Unsere moderne Zivilisation ist auf Sand gebaut: Beton, Straßen, Häuser, Keramik, Metall, Industrieanlagen – sogar das Glas unserer Smartphones. Sie alle brauchen diese unscheinbare Substanz, die es allerdings sprichwörtlich nicht "wie Sand am Meer" zu geben scheint. Denn die Nachfrage nach Sand wächst exponentiell und das Angebot wird stetig kleiner.
Eine Studie der Vereinten Nationen von 2019 beschreibt, dass der Gesamtverbrauch der Menschheit an Sand – mehr als 40 Milliarden Tonnen pro Jahr, circa 18 Kilo pro Kopf – heute doppelt so groß ist wie die Menge an Sedimenten, die auf natürliche Weise auf der Erde verfügbar sind. Die Autorin und Umweltaktivistin Kieran Pereira beschreibt diesen Zustand in ihrem Buch „Sand Stories" als „eine der größten Nachhaltigkeitsherausforderungen des 21. Jahrhunderts". Neben den bekannten fossilen Rohstoffen Öl, Kohle und Gas ist Sand einer der wichtigsten Zivilisationsmotoren. Für Pereira ist die Ressource vielmehr die „verborgene Grundlage" der modernen Gesellschaft. Im Zentrum dieses Wachstums steht der internationale Bausektor.
Der Architekturtheoretiker Prof. Werner Sobek beschreibt Architektur als einen „Produktionsversuch einer menschlichen Heimat, typischerweise dargestellt durch die Entnahme von Rohstoffen, die durch die Transformation zu Baustoffen zu den elementaren Bestandteilen der heimischen Infrastrukturen werden."
Die Weltbevölkerung wächst besonders rasant in den Städten außerhalb der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten von Amerika. 1975 lebten etwa 37 % der Weltbevölkerung in Städten, im Jahr 2009 waren es erstmals mit 3,3 Milliarden und somit mehr als 50 % der Bevölkerung. Bis 2030 wird sich diese Zahl voraussichtlich auf rund fünf Milliarden erhöhen. In Asien, Afrika und Lateinamerika wird sich die städtische Bevölkerung dann innerhalb von 30 Jahren verdoppelt haben. Daraus resultiert eine gigantische Nachfrage nach Wohnraum. Nach Daten der Non-Profit-Organisation „Global Footprint Network" übersteigt die weltweite Nachfrage nach natürlich Ressourcen seit 1971 durchgehend das Angebot. Dabei ist ein frappierender Unterschied zu beobachten: „wenn alle Menschen so lebten wie die Europäer*innen, wären fast drei Erden notwendig, um den Ressourcenverbrauch nachhaltig zu ermöglichen. Wenn alle Menschen so lebten wie die Nordamerikaner*innen, wäre es sogar knapp fünf Erden." Daraus resultiert die elementare Frage, wie wir solidarisch zusammen leben wollen?
Der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour vertritt in seinem „terrestrischen Manifest" die These, unsere zentrale Herausforderung bestehe zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einem „Ankommen", einem „Landen" bzw. einem neuen „Heimisch-Werden" in jener dünnen, gefährdeten Zone, die auf dem Planeten bewohnbar ist. Die Moderne hat das Karussell des globalen Kapitalismus so stark beschleunigt, dass sich die Menschheit von der Erde entfernt hat. Die Corona-Krise, aber auch die Flutkatastrophe in West-Deutschland haben uns die Krisenanfälligkeit unserer Existenz in dieser Zone erneut vor Augen geführt: Weltweit werden Gesellschaften in einem Maße erschüttert, dessen ökonomische, soziale und politische Fernfolgen noch nicht absehbar sind.
Für die Arbeit, die erstmals in der Galerie Melike Bilir im Rahmen der India Week 2021 präsentiert wird, ist Robin Hinsch ins indische Thane, nach Mumbai, Erftstadt und ins deutsche Ahrtal gereist. In einer multiperspektivischen Installation, bestehend aus Fotografie, Video und Sound werden die Besucher*innen mit der brutalen Realität der Klimakatastrophe konfrontiert.
ASANTULAN ist eine Veranstaltung im Rahmen der India Week Hamburg 2021 mit freundlicher Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien Hamburg.
 
 

Vibha Galhotra - BLACK CLOUD

Du magst Drachensteigen? 

Teilnehmer:innen jeden Alters für partizipative Aktion gesucht!

Das Pilotprojekt Black Cloud der indischen Künstlerin Vibha Galhotra fand 2014 auf dem Gelände von Dharnidhar, Bikaner (Indien) statt. Etwa achtzig Teilnehmer:innen schufen erfolgreich eine Wolke schwarzer Drachen am Himmel, um auf die Luftverschmutzung aufmerksam zu machen. Anlässlich der India Week Hamburg 2021 möchten wir diese partizipative Aktion gemeinsam mit Ihnen/mit Euch hier in Hamburg realisieren. 

Wir suchen hierfür ca. 50 Teilnehmer:innen, die Interesse haben, sich am Sonntag, den 14. November 2021, um 14 Uhr vor der Galerie Melike Bilir zu treffen, und sich an der Inszenierung zu beteiligen: Nach einer kurzen Einführung laufen wir gemeinsam in Richtung Baumwall, um dort einen Drachen steigen zu lassen. 

Jede:r bekommt einen schwarzen Papierdrachen mit einer Saftschorle als Haltegriff gestellt, den wir dann gemeinsam steigen lassen, um sinnbildlich eine schwarze Smog-Wolke am Himmel zu erzeugen. 

Familien mit Kindern sind sehr willkommen!
Um Anmeldung wird gebeten: info@melikebilir.com
 
Wir freuen uns auf Sie/auf Euch,
Hannah Beck-Mannagetta & Melike Bilir
Kuratorinnen

Weitere Infos unter: vibhagalhotra.com

Black Cloud ist eine Veranstaltung im Rahmen der India Week Hamburg 2021 mit freundlicher Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien Hamburg. 

Who Owns the Air?
Indian conceptual artist Vibha Galhotra puts a spotlight on the global environmental crisis


For years now, we have been debating about carbon emissions control, especially in the developing nations. In recent times, air pollution has gravely affected India, leading to a nationwide smog emergency and devastating public health consequences. Industrial emissions and automobile exhaust, waste incineration, and other factors have led to a permanent state of emergency, particularly in the national capital of New Delhi. The artist Vibha Galhotra, born in 1978 in Chandigarh, India, is directly confronted with this crisis. She lives and works in New Delhi, where the problematic situation has reached fatal proportions. Yet the threatening human impact on our environment manifests itself across the entire world. This is the central theme of Galhotra's conceptual work. In her photographs and videos, sculptures, installations, and interventions in public spaces, the artist addresses the endangerment of our ecosystem through climate change, globalization, and the economically driven spiral of production, consumption, and waste disposal. The starting point of her artistic research into the disastrous traces, which humans are inflicting on the planet in the Anthropocene, is the thesis that the small repeats itself in the large and that everything is interconnected: “Whatever is in the microcosm is also in the macrocosm.” This is based on the traditional holistic Indian doctrine of the five elements, according to which all matter is composed of earth, water, fire, air, and ether.

Any interference that disturbs the interplay of the elements disrupts the overall construct. With the destruction of the natural environment, we deprive ourselves of the foundation of our existence. In her works, Galhotra throws light onto the precarious balances that we are constantly derailing with sustainable aesthetic mediums. Her works encompass assemblages and organically unfolding conglomerates made of found objects from the urban landscape and of steel, concrete, wood, and fabric, as well as performances and site-specific significations. The latter extend from the symbolical collection of urban air samples (Breath by Breath, 2016–17) to verbal messages on the ground or in the water, thus, for instance, realized in 2017 in the massively polluted Yamuna River in Delhi, in which the question floated, “Who Owns the Water?” These also include the participatory project Black Cloud that took place for the first time in 2014 in the city of Bikaner in the state of Rajasthan in northwestern India, which is severely affected by the climate change-induced shortage of drinking water. Following the artist's concept, around hundred participants let kites made of black silk paper rise upward, forming a cloud-like cluster in the sky. With Black Cloud, Galhotra draws attention to the extreme air pollution, which today poses a life-threatening danger not only in India, but all over the world. Here, the artist is visualizing another central tenet of her thinking: to preserve our planet, we need to unite and commit ourselves collectively to ensuring that we do not ultimately forfeit the earth that sustains us. (Text: Belinda Grace Gardner)
 

Conny  - 20:15

Ausstellung / Exhibition 28 Oct–06 Nov 2021

Eröffnung / Opening 28 Oct 2021 6.30–9 pm / 18.30–21 Uhr

Im Rahmen von Neue Kunst in Hamburg e.V., kuratiert von Eva Birkenstock / As part of Neue Kunst in Hamburg e.V., curated by Eva Birkenstock Neue Kunst in Hamburg e.V. at Fleetinsel Galerien

28 Oct–06 Nov 2021

Galerie Jürgen Becker Fion Pellacini

Galerie Melike Bilir CONNY

Galerie Holger Priess Nina Zeljković

Produzentengalerie Hamburg Karimah Ashadu

Sfeir-Semler Galerie Nina Kuttler

 

 
 
Nino Kvrivishvili 
 
I ASKED MYSELF
 
Buchrelease: Mittwoch, 20. Oktober, 18:00 - 21:00 Uhr
 
Ausstellungsdauer: 10. September - 20. Oktober 2021
 
Öffnungszeiten September: Donnerstag & Freitag, 14:00 - 18:00 Uhr und nach Vereinbarung
 
MIt freundlicher Unterstützung von der Stiftung Kunstfonds im Rahmen von Neustart Kultur 
 
 
End of Psüch - ÜBER - ICH
 
Ausstellungsdauer: 8.7 - 31.7. 2021
 
Die dritte Instanz der dreiteiligen Ausstellung
 
Fabian Beger, Katharina Duve, Robin Hinsch, Soyon Jung, Timo Roter, Tex Rubinowitz
 
Öffnungszeiten: Dienstag & Mittwoch: 15:00 - 18:00 Uhr oder nach Vereinbarung.

Special:
Musikvideo Release - Nur weil du mir deine Wunden zeigst, bist du noch lange nicht mein Heiland
School of Zuversicht
Regie, Kostüm, Schnitt: Katharina Duve 
Kamera: Helena Wittmann 
 
Eröffnung: 8. Juli 2021 von 16:00 - 21:00 Uhr mit einer Installation von Einsiedel & Jung im Innenhof 

Die erste, zweite & dritte Instanz — Franziska Nast (7.05.—31.07.2021)

Weitere Infos und mehr Details zum Rahmenprogramm folgen in Kürze!

We love MARIA and MARIA loves us
Eine Kunst-Performance über: Religion, Heilung, Carework, Gender und Clubbing
Performance: Hark Empen
Konzept, Choreografie: Barbara Schmidt-Rohr


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Podcast:
Der Bürgermeister der Nacht
Neues aus der Opiumhöhle zum Thema Psyche & Kunst
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Finissage:
Konzert/Trompetensolo David Mechsner 
Erdbeerbowle mit Lydia Jung

Gefördert von der Poolhaus Stiftung Blankenese
Gefördert von der Stifung Kunstfonds im Rahmen von Neustart Kultur
Gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen von Neustart Kultur

Programm & Text zur Ausstellung

 

Eine exemplarische Emanzipationsgeschichte in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie.

Barbie wurde seit ihrer Geburt als Ideal einer Puppe geliebt wie gehasst. Es gab sie in fast jedem Kinderzimmer und auf den Kaufhausregalen stand sie über Jahrzehnte in der ersten Reihe. Sie war per se unbefleckt, strahlend schön und erfüllte mit ihrem Auftreten – sie konnte Prärie Barbie, Schneewittchen Barbie oder Business Barbie sein - jede Rolle. Selbst als ihre Brüste abgeflacht wurden, spielte sie mit. Doch hier greife ich vor.

Ihre Erfinder, juristisch korrekt Matters Inc., schufen und normierten, wie sich herausstellen sollte, ihr Wertgeschöpf überfürsorglich. Mit einem Copyright implementierten sie Barbie das ihr eigene Alleinstellungsmerkmal. Nur Matters Inc. durften sagen, so ist Barbie, ja, so hat sie zu sein. Und Barbie richtete sich danach und Barbie wuchs. Sie bevölkerte mit ihrem idealen Selbst unsere Welt. Wir kämmten sie, rissen ihr die Beine aus oder lernten, wie mit Ken umzugehen sei. Durch sie lernten wir aber auch, dass wir anders waren, dass wir dick, krumm oder unsichtbar sein konnten. Vielleicht mochte ich es deshalb sehr, sie mit ihren Artgenossen kopfüber in einer Kiste verrenkt zu sehen und etwas erleichtert festzustellen, dass das nur Plastik sei, eine Puppe.

Nun erinnert ihr Euch eventuell an den Rechtsstreit im Jahr 1997 zwischen Matters Inc. gegen die schwedischen Popgruppe Aqua und ihren Song „Barbie Girl“, der durch die Schlagzeilen lief. Ein juristischer Präzedenzfall, welcher mit dem mit dem Argument geführt wurde, dass Barbies Image durch ihre Porträtierung als „Bimbo Girl“ im Songtext beschmutzt würde. Während in der Öffentlichkeit also erbittert um die Bestimmung von Barbies moralischer Integrität gerungen wurde, die Klage wurde zuletzt abgewiesen, schien Barbie selbst ein ungeheures Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Ich weiß davon zu berichten, da ich sie vor nicht allzu langer Zeit in einer TV-Show sprechen hörte. Die Veranstaltung fand 20XX in dem Theaterskript eines Richard Lanhams statt, wo in einer ziemlich illustren Runde darüber resümiert wurde, dass eine neue Aufmerksamkeitsökonomie daran Schuld sei, kulturelle Urheberschaft heute so interessant gemacht zu haben und wie dies juristisch zu regeln sei. Für Barbie ein existenzieller Wendepunkt.

 Im Verlauf des Gesprächs bestätigte der ebenfalls als Experte und langjährig Betroffener eingeladene Autor und Barbie sehr zugewandt, dass ihr neue Realität wirklich blendend laufe: „Je mehr du nach dir Ausschau hältst, desto mehr findest du dich. Fast überall, wohin du blickst“ und fuhr fasziniert fort: “Tatsächlich ist das Netz an kulturellen Referenzen, während ich dich studiert habe, so komplex geworden, dass ich ein Diagramm machen musste, um mir Klarheit zu verschaffen.“ Woraufhin sie antwortete: „Ja, was glaubst du, warum wechsle ich meine Kostüme so oft? Das war nicht“ (hier tätschelte sie ihn) „um zu necken, sondern um meine Allegorie ganz klar zu machen. Ich bin die ganze stilistische menschliche Vorstellungskraft, durchdrungen von Sexualität, aber was hast du denn anderes erwartet?“

Es war eine Freude zu hören, wie sie absolut gelassen und bezaubernd bestimmt das Offensichtlichste auf den Punkt brachte. Sie sei nicht nur im Scheinwerferlicht, sie sei das eigentliche Scheinwerferlicht. Sie sei der Motor des kulturellen Gesprächs, denn sie beherrsche das Spiel um Aufmerksamkeit wie kein andrer und mit ihrem Eintritt in das öffentliche Gespräch sei sie ihren Urhebern, den Puppenmachern, nun wahrlich entwachsen: „Alle haben mich geschrieben.“ - „Das kulturelle Gespräch hat mich gemacht.“ - bis hin zu dem eigentlichen Höhepunkt: „Ich bin das kulturelle Gespräch“.

Und da horchte ich dann wirklich auf. Denn ist dies nicht eine fantastische Emanzipationsgeschichte? Nach dieser Neubegegnung mit Barbie - und einer intelligenten, artikulierten, wenn auch immer noch schrecklich auf ihre Äußerlichkeit bedachten – Barbie, fragte ich mich: Gilt diese exemplarische Erfolgsgeschichte nicht auch für mich? Finde ich mein besseres Selbst nicht ebenfalls über die Rolle im und Teilhabe am öffentlichen Gespräch? Sprengt mein Scheinwerferlicht nicht ebenfalls die Restriktionen tradierter Normen und Werte und öffnet mich zu einem ungeahnten und schillernden Fächer an Alleinstellungsmerkmalen. Nicht meine Gebärer, Erzieher, die Tradition, Gott oder der Staat stellen mir meine Wertschätzung aus, sondern potenziell alle! Potenziell alles, um die eigentlich revolutionäre Sachlage korrekt auszudrücken. Das ist die wahre Erlösung meiner moralinen Integrität! Über-Ich war gestern! Text: Franziska Glozer

 

 

End of Psüch - ES
 
Ausstellungsdauer: 4.6 - 26.6. 2021
 
Die zweite Instanz der dreiteiligen Ausstellung
 
Mariola Brillowska, Veronica Burnuthian, Jessica Herden, Clemencia Labin, Jessica Leinen, Oliver Ross
 
Eröffnung: 4. Juni 2021 von 14:00 - 20:00 Uhr mit einer Installation von Einsiedel & Jung im Innenhof   sowie eine Performance von JAJAJA: Akustischer Traumspaziergang zum Trieb um 17:00 Uhr und um 19:00 Uhr.

Die erste, zweite & dritte Instanz — Franziska Nast (7.05.—1.08.2021)

MIt freundlicher Unterstützung von der Stiftung Kunstfonds im Rahmen von Neustart Kultur & der Poolhaus Blankenese Stiftung.

Herrschaften, Sie werden nie etwas vom bunten Stoff des Lebens erhaschen können, wenn Sie sich nicht eines zu Eigen machen: Das Geschlecht regiert das Leben. Die Feder, mit der man seiner Geliebten oder seinem Schuldner schreibt, stellt ein männliches Element dar, und der Postkasten, in den wir den Brief stecken, ein weibliches Element. 4 Und so muss man sich das gesamte Alltagsleben vorstellen. Alle Kinderspiele beispielsweise sind auf Erotismus gegründet (das muss man sich ganz besonders merken). Ein Knabe, der wütend seinen Brummkreisel peitscht, ist ein unbewusster Sadist. Den Ball (bevorzugt größeren Umfangs) liebt er, weil er an die weibliche Brust erinnert. Das Versteckspiel erweist sich als emiratisches (tiefes, geheimes) Bestreben, in den mütterlichen Schoß zurückzukehren. Dieser Ödipuskomplex wird auch in einigen unserer volkstümlichen Schimpfwörter reflektiert. Wohin wir auch das Auge oder den Blick werfen - überall sexuelle Elemente. Wenden wir uns nur ganz gewöhnlichen Berufen zu - da sind sie schon: der Architekt baut ein Haus (lies: macht jemandem den Hof), der Kameramann kurbelt (lies: masturbiert), die Ärztin schaut nach dem Kranken (lies: dieser wird gesund und schaut der Ärztin nach). Philologen bestätigen, dass die Ausdrücke „das Barometer fällt“, „herabgefallenes Blatt“, „gestürztes Pferd“ - Anspielungen (unbewusster Art) auf eine gefallene Frau darstellen. Betrachten Sie auch „Geiger“ und „Lackierer“ unter dem Gesichtspunkt der Sexualfrage. Hierher gehören auch Wörter wie „Spritztour“, „Tiefbohrung“, „Besenritt“. Es gibt auch viele Vornamen, die von Erotismus durchdrungen sind: Minna, Amanda, Bettina, Vicky, und die Spanier haben sogar den Namen „Juan“ (von „Don Juan“). (1931)

Sie scheinen nichts von Freud zu halten?

Das stimmt nicht ganz. Als komischen Autor schätze ich Freud sehr. Wie er die Emotionen seiner Patienten und ihre Träume erklärt, das ist unglaublich burlesk. [Man muss ihn übrigens im Original lesen!] Ich begreife nicht, wie man ihn ernst nehmen kann. Reden wir bitte nicht mehr von ihm. (1975)

(Vladimir Nabokov)

Programm & Text zur Ausstellung

 

 

End of Psüch - ICH

 
Ausstellungsdauer: 7.5 - 27.5. 2021

Die erste Instanz der dreiteiligen Ausstellung

Anna Lena Grau, Ida Lennartsson, Hannah Rath, Verena Schöttmer, Aleen Solari, Gesa Troch

Installation im Innenhof von Einsiedel & Jung

20. Mai 2021 ab 16:00 Uhr, mit einer Performance von Dancing Queen Maskulin um 20:00 Uhr

Die erste, zweite & dritte Instanz — Franziska Nast (7.05.—1.08.2021)

MIt freundlicher Unterstützung von der Stiftung Kunstfonds im Rahmen von Neustart Kultur & der Poolhaus Blankenese Stiftung.

ICH ist woanders — Das Ich ist ein Work-in-Progress, dessen Weiterentwicklung fraglich und dessen ultimativer Verfall gewiss ist. Auf das Ich dringen aus den dunklen Regionen des Es wüste Triebe und ausgelassene Impulse ein. Von oben herab wirft das Über-Ich das scharfkantige Licht der Zensur wie ein gleißender Kontrollscheinwerfer auf die Wallungen der Lust und der Wut und schaltet sie stumm oder lenkt sie um. Umzingelt von Dionysos und Apollo, der Ausschweifung und der Ordnung, versucht das Ich das Über-Ich abzuhängen und das Es zugleich in Schach zu halten. Sigmund Freuds psychologischem Dreigespann aus hemmungslosem Lustprinzip, gestrenger Überwachung und dazwischen gekeilter Vermittlungsinstanz steht das Selbst gegenüber. Oder vielmehr: Das Selbst steht zugleich innen und außen und schaut in Personalunion aus sich heraus und in sich hinein. 

Denn während es das eigene Ich-Sein reflektiert, umspannt das Selbst alles, was dazu gehört. Das Selbst ist sich seiner Handlungen bewusst und betrachtet sie gleichermaßen aus der Distanz, bedient beim Selfie seiner (und ihrer) Selbst den Auslöser und ist simultan das Sujet des von sich ausgehenden Blicks. Auch in den Feldern der Kunst heißt das Resultat des Sich-ins-Bildsetzens eben nicht Ich-Portrait, sondern Selbstportrait, das wiederum von Selbstbefragung bis zu Selbstvergewisserung und Selbstbehauptung rangieren kann. Oder das, wie bei Rembrandt, im rasanten Wechsel der Personifikationen zur Selbsterkundung durchgespielt wird. In seinen Selbstbildnissen setzte sich der niederländische Barockmeister zwischen jungem Draufgänger und Elder Statesman mal kühn, mal keck, mal mit überrascht aufgerissenen Augen, mal würdevoll, mal verschattet, mal herzhaft lachend in Szene und blieb sich dennoch im Wesentlichen treu. 

Was Rembrandts Rollentausch im 17. Jahrhundert, Freuds Drei-Instanzen-Modell von 1923 und die Selfies heutiger Instagram-Kultur teilen, ist die Idee, dass das Ich eine Konstruktion ist, die im Selbst(-Bild) zur Anschauung, wenn schon nicht zur Verwirklichung kommt. Sprühen bei Rembrandts malerischen Deklinationen des Selbst auf der Skala von Es bis Über-Ich noch die subversiven Funken des ersteren, wird das Über-Ich in der Selfie-Manie unserer Zeit als umfassende Regieführung der Selbstdarstellung dominant. Die akkurat in Pose gesetzte libidinöse Zügellosigkeit ist hier ebenso sehr eine Maskerade wie die gemainstreamte Visage eines Selbst, das sich hinter den schillernden Fiktionen und Fassaden der Beauty-Filter verschanzt, bevor es vom kühlen Auge der digitalen Öffentlichkeit als perfektionsfern enttarnt werden kann. 

Freuds topografisches Konzept platziert das Ich mittig zwischen Es (unten, eher bodensatz- oder höllennah) und Über-Ich (sitzt dem Ich in erhöhter Position buchstäblich auf dem Dach). Im Daueraufnahme-Modus der Smartphone-Selbstportraits verliert sich das Ich derweil in den Testläufen ständiger Visualisierung und Transformation: Ich ist woanders und wabert jenseits von Gut und Böse im virtuellen Raum umher. Beides verhält sich konträr zur ästhetischen Vision des französischen Poeten Arthur Rimbaud. Wie er in einem Brief an seinen Freund Paul Demeny 1871 erklärt, zielt der Dichter auf die „Entgrenzung aller Sinne: „Denn ICH ist ein anderer. (…) Alle Formen der Liebe, des Leidens, des Wahnsinns; er durchforsche sich selbst, er schöpfe alle Gifte seines Wesens aus und bewahre nur ihre Quintessenz für sich. Unsagbare Folter, für die er seinen ganzen Glauben braucht, seine ganze übermenschliche Kraft, und durch die er unter allen Wesen der große Kranke, der große Verbrecher, der große Verdammte  – und der Allwissende wird! – Denn er kommt an im Unbekannten!“* 

In Rimbauds Ich-Erweiterung, die als riskante Expedition ins Abgründige mit ungewissem Ausgang angelegt ist, geht der Dichter als „Seher“ und als „Dieb des Feuers“** voran. „Er ist beladen mit der ganzen Menschheit, sogar mit den Tieren; er muß, was er erdichtend entdeckt, fühlbar machen, tastbar, hörbar, und wenn das, was er von da unten heraufholt, Form besitzt, so gibt er es als Form; ist es formlos, dann gibt er das Formlose. – Eine Sprache finden (…).“*** Wenn auch die Zuschreibungen und Verortungen nicht mehr greifen, unten und oben, Ich und Selbst im endlosen Spiegelstadium der gegenseitigen Bebilderung und der Aufhebung herkömmlicher Hierarchien austauschbar geworden sind, so ist doch die Vorstellung und Produktion einer Kunst, in der die Akteur*innen der Entgrenzung, Ausdehnung und Aufweichung ihres Ich Gestalt oder auch Gestaltlosigkeit geben, weiterhin akut. Vor dem expandierenden Horizont unseres unermesslichen, digital reduplizierten Welt-Raums lässt sich ICH als ein in alle Richtungen offenes Agens und Auge weiterdenken, das multiperspektivisch mit sich selbst und vielfältigen Wirklichkeiten in Verbindung steht: zwischen Chaos und Kontrolle balancierend, ein Tanz auf dem Vulkan. (Text: Belinda Grace Gardner)

 * Rimbaud an Paul Demeny (Brief vom 15. Mai 1871). Übers. v. Dieter Tauchmann. Arthur Rimbaud. Mein traurig Herz voll Tabaksaft. Gedichte, franz.-dt. Hrsg. und mit einem Essay v. Karlheinz Barck. Leipzig: Reclam, 2003, S. 164f.

** Ebd., S. 166. 

*** Ebd.

Programm & Text zur Ausstellung von Belinda Grace Gardner

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MARCUS SENDLINGER - PHANTOM RIDE

14.11.2020 bis 16.01.2021

Der Maler, Musiker und Bildhauer Marcus Sendlinger (geb. 1967 in Königstein im Taunus, lebt und arbeitet in Lentzke) collagiert, abstrahiert und rekontextualisiert Relikte des urbanen Lebens, die er auf seinen Reisen sammelt. Bilder von Sonnenuntergängen, Palmen oder Gebirgslandschaften collagiert der Künstler mit dubiosen Werbeanzeigen, Zeitungsausschnitten oder Hotelrechnungen. Der banale Alltag und die reale Welt sind die Inspirationsquelle für Sendlingers prozesshafte Arbeiten, in denen er Siebdruck und Collage mit Malerei verbindet. Er kommentiert damit eine Zeit des überdrehten Überflusses zwischen hoffnungslosem Verfall und fortschreitender Hypermodernität. Als reisender Künstler zelebriert er dabei eine Ambivalenz zwischen Romantik und Abgrund, die seinen Werken innewohnt, und vertraut dem kritischen Blick der Betrachter*innen.

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ALEEN SOLARI & TIMO ROTER

Wir freuen uns bereits sehr auf unsere nächste Ausstellung: eine interdisziplinäre Kollaboration, eine internationale Kombination aus installativer Malerei von Aleen Solari und den Zeichnungen Timo Roters, die in Manila während des Lockdowns entstanden. DAS HÄTTE JEDE IN MEINER SITUATION AUCH GETAN ist der vielversprechende und zum Nachdenken anregende Titel. Mehr dazu in Kürze! 

Öffnungszeiten: Mittwoch von 14:00 – 18:00 Uhr, und nach Vereinbarung

Ausstellungsdauer: 9. - 28. Oktober 2020

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WAHALA - ROBIN HINSCH

3. - 30. September 2020

Öl, Kohle und Gas treiben die Weltwirtschaft an – doch welchen Preis zahlen Umwelt und die Menschen an jenen Orten, an denen die Rohstoffe aus der Erde geholt werden? Der Hamburger Fotograf Robin Hinsch ist für WAHALA an diese Orte gefahren. Seine Arbeit legt die Ausbeutungsmechanismen hinter der Förderung fossiler Brennstoffe offen und dokumentiert, dass es zwischen der Zerstörung von Umwelt und Gewalt gegen Menschen keinen prinzipiellen Unterschied gibt. Hinsch legt mit seinen Fotografien die Widersprüche des Versprechens von ewigem Wachstum offen und zeigt, wie sehr das System des fossilen Kapitalismus unter seiner eigenen Last ächzt.

Die Erde existiert seit viereinhalb Milliarden Jahren, Menschen gibt es seit rund 300.000 Jahren. Der Homo sapiens begann vor rund 11.000 Jahren mit Ackerbau und Viehzucht und vor 250 Jahren damit, versteinerte Wälder in Form von Kohle aus der Erde zu holen. Bis heute ist es vor allem solches fossiles Pflanzenmaterial, das unsere Kraftwerke, unsere Flugzeuge und unseren elektrischen Zahnbürsten antreibt. In einem erdgeschichtlichen Augenzwinkern setzen wir dabei die Energie frei, die einst vor vielen Millionen Jahren entstanden ist.

In der Geschichte der Erde ist das ein einmaliger Moment: dass sich die Tiefenzeit des Planeten mit dem Zeithorizont einer einzelnen Art überkreuzt, die dadurch selbst zum beherrschenden geologischen Faktor aufsteigt. Der Homo sapiens ist so mächtig geworden, dass sein Aufstieg ein neues Erdzeitalter markiert - das Anthropozän.

Der kleinste gemeinsame Nenner dieser Entwicklung ist Kohlenstoffdioxid. CO2 ist die Einheit des Zeitalters des Menschen. Als farb- und geruchloses Molekül können die menschlichen Sinne es nicht wahrnehmen. Das ist die erste Dimension der Unsichtbarkeit der Krise: das Nichtsehenkönnen.

Die zweite Dimension ist selbst gewählt: Sie hat mit globalen Machtverhältnissen und den Mechanismen von kapitalistischer Ausbeutung zu tun. Hier entscheidet sich die Mehrheitsgesellschaft, die vom Verbrennen billiger Rohstoffe profitiert dafür, die Konsequenzen zu verdrängen. Das ist das Nichtsehenwollen.

An dieser Stelle setzen die Arbeiten des Hamburger Fotografen Robin Hinsch an. Für WAHALA ist er an jene Orte gereist, an denen Erdöl und -gas, Braun- und Steinkohle an die Erdoberfläche geholt werden. Diese Orte liegen gleichermaßen im Zentrum des globalen Extraktionskapitalismus als auch in seiner Peripherie. Zentral, weil von hier die Brennstoffe der globalen Wirtschaft kommen, die alles antreiben. Peripher, weil sie sacrificed area
 

06.06. – 08.08. 2020
DIE WELT IST GANZ: VON A BIS Z - GROUPSHOW 

30.01. – 08.03. 2020
RAUSCH - VERONICA BURNUTHIAN  

02.11. – 14.11. 2019
THANK YOU PLEASE VISIT AGAIN - EINSIEDEL & JUNG 

06.09. – 13.10.2019
FLESH CORALINO - CLEMENCIA LABIN 

23.5. - 20.6. 2019
DANIEL SPOERRI & TEX RUBINOWITZ