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RAUSCH

VERONICA BURNUTHIAN

Eröffnung: Donnerstag, 30. Januar 2020, ab 18 Uhr

Zur Eröffnung gibt es eine Performance mit Veronica Burnuthian und Fabian Beger, danach und davor DJ Vander.


Sie lässt sich nicht zähmen, bürsten oder von der Kunstaristokratie kultivieren. Sie liebt die Lautstärke, das Schreien und das Exzessive. Ihre Gegen-Richtung bezeichnet sie selbst als „Sonderschule München“. Ihre Arbeit im Münchener Underground ist befeuert durch Dadaismus, Punk und DIY Kultur. In ihren Bands Markus und Friends of Gas verkörpert sie in ihren eigenen Worten „dadaistische Antimusik, Bruitismus und Sabotage“. Seit 2016 studiert Veronica „Katta“ Burnuthian in der berüchtigten „Klasse Oehlen“ unter dem zeitgenössischen Künstler und Professor Markus Oehlen, der einmal meinte, ihre Arbeiten seien wie Free Jazz, wie eine Instant Composition.

Wenn sie malt, befreit sich Veronica von allem und komponiert intuitiv wie im Rausch. In ihrer manchmal manischen Art begibt sich Burnuthian gefährlich nah an die Sonne, in schwindelnde Höhen, aber auch in finstere Löcher und tiefe Abgründe. Orte und extreme Zustände, denen sich nach wie vor nur die mutigsten Rebellen aussetzen. Wenn man so will, ist sie dort, um uns etwas zu zeigen: den Rausch. In Burnuthians Wimmelbildern kondensieren Raum und Zeit zu einem Flirren. Komik und Tragik sind drin in diesen bunten, abstrakten Akkumulationen und Verdichtungen. Angst zeichnet sich ab, die Überforderung wird schier greifbar… Aber es gibt immer einen Ausweg in diesem Labyrinth der Irrationalität, das in gewisser Hinsicht realistischer ist als jedes Foto. Man muss nur lange genug suchen und das Auge muss sich an das Grelle und die scharfen Kontraste gewöhnen.

Wir staunen über und verzweifeln an der heftigen Wirkung dieser rücksichtslosen Kombination aus Zeichnung und Malerei: Unschuldig wirkende Kinder-Tupfer und Kringel werden durch
schwarzes Gekrakel bedroht und durch toxische Farbschattierungen unterwandert, überbelichtet und zerstoben. Im nächsten Augenblick behauptet sich schon wieder das Zerbrechliche. Zeigt Veronica etwa Momentaufnahmen aus einem bizarr anmutenden Lebenszyklus? Wir nehmen Fahrt auf an geschwungenen Linien, Bögen und Spiralen und verletzen uns an spitzen Kanten auf einer Fallbeilsymphonie ins Paradies. Wir starren staunend auf irisierende Gewölbe, psychedelische Feuerbälle und Tausende kleiner lockiger, verspielter Mikrokosmen. Auf sich allein gestellte Tiere und menschliche Antlitze schauen sich an, nehmen Haltung zueinander ein und verschwinden schließlich gestenreich im Segen. Mit nur wenigen Strichen und Formen erreicht Burnuthian in den Details oft bereits eine erstaunliche Ausdruckskraft. Eine rätselhafte Symmetrie mit eigenen Regeln im Großen und Ganzen lässt ungezwungene Schönheit erblühen. Die Unmittelbarkeit ist ein weiterer Faktor. Ein unbekümmerter Instinkt prahlt stellenweise geradezu mit seiner eigenen Fehlbarkeit, als ob der Fehler König wäre. Lassen wir uns aber nicht täuschen: Die Triebfeder der jungen Künstlerin ist von äußerster Feinheit und Schärfe.

Neben vielen gerahmten Werken wird bei der Vernissage am 30. Januar bei Melike Bilir auch eine prominente Wandmalerei zu sehen sein, die Burnuthian kurz vor der Eröffnung fertigstellen wird! Mit ihrem Bandkollegen Fabian Beger in der Band „Markus“ spielt sie am Abend der Vernissage ein Konzert mit treibenden noisigen Beats aus analogen Synthesizern mit Gesang. Die armenisch-stämmige, in Brüssel geborene Künstlerin zeigt uns, wie produktiv Verweigerung auch 2020 noch sein kann.

Jenseits jeglicher Kalkulation auf Verwertbarkeit entsteht ein neuer verzerrter Kosmos bei Melike Bilir, den ganz allein Burnuthian mit ihrer extremen Sichtweise der alten Welt abtrotzen konnte, in dem alle Wirren magisch verklärt sind und gleichzeitig brutal hervortreten. Lassen wir uns darauf ein, schenken uns Burnuthians Bilder Erlösung. Zustimmung ist aber nur mit einem klaren „Nein!“ möglich. Von dem her: „Let me hear you say „No“!“ (Joachim Franz Büchner)

 

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OUR PRIVATE INDIA

Lutz Nikolaus Kratzer und Gäste

Our private India - Eine interaktive Musikperformance und Echtzeit-Komposition von und mit Lutz Nikolaus Kratzer im Rahmen der India Week 2019.

Samstag, 16. November 2019, von 19 - 22 Uhr


'Our private India' setzt sich aus einem eigens für diese Veranstaltung zusammengestellten Quartett aus Musikern und Künstlern zusammen, die sich bereits jeweils intensiv mit Indien beschäftigten und sich nun als musikalisch- künstlerisches Kollektiv zusammentun, um die Performance bei unterschiedlichen deutsch-indischen Anlässen im In- und Ausland zur Aufführung zu bringen. Der Performance liegt keine klar fixierte Inszenierung zugrunde, sie entsteht vor Ort und im Verbund mit allen Anwesenden. Lutz Nikolaus Kratzer führt moderierend und dirigierend durch das lebendige Klangexperiment und wird unterstützt durch instrumentelle Einlagen von Chad Popple, John Hughes und Carl John Hoffmann.

Lutz Nikolaus Kratzer (Echtzeitkomposition, Tabla, Visuelle Umsetzung)
Chad Popple (Indische Tabla, Percussions)
John Hughes (Kontrabass)
Carl-John Hoffmann (Multimediale Verknüpfung, Modifikation klassischer indischer Musikinstrumente)

Der Tourismus-Slogan 'My India' fördert in Indien ein Identitätsgefühl und lädt Touristen ein, den Subkontinent zu entdecken und sich ein eigenes Bild und Erfahrungen zu machen, das Land für sich zu erschließen. Der Name „My private India“ steht für ein höchst subjektives Erleben von Indien als auch für Interpretationen, Projektionen und sich den daraus ergebenden Vorurteilen.

Wie die meisten Besucher*innen des Abends wissen werden, ist Indien ein gigantisches multiethnisches Land mit einer beinahe unvorstellbaren kulturellen Vielfalt, in dem über hundert Sprachen gesprochen werden. Vollständig erfasst und gekannt werden kann es selbstverständlich von niemandem. Die interaktive Musikperformance „My private India“ möchte genau dies zum Thema machen und die unüberschaubare Fülle des zu Entdeckenden als sinnlichen Erfahrungsraum kollaborativ aufbereiten. Im Mittelpunkt stehen die schier unendlichen Möglichkeiten und Vorstellungen, die Schönheit des Unberechenbaren und der

Missverständnisse, wenn sich an einem Abend äußerst diverse Sichtweisen und unterschiedliche Wissensstände über Indien und seinen Musikkosmos akkumulieren. Es soll im Miteinander aller Anwesender über das Verhältnis von Musik, Bildern, Körpern und Bewegungen im Galerieraum ein dicht gewebter, vielschichtiger Klang- und Geräuschteppich mit unzähligen Knotenpunkten und Klangverknüpfungen aus Harmonien und Dissonanzen entstehen.

Ziel des Abends ist es, ein lebendiges Klangbild und synästhetisches Erleben zu erschaffen, in dem die Eindrücke über Indien von sämtlichen Besucher*innen mit ihren je spezifischen kulturellen Identitäten, persönlichen Erfahrungen, potentiellem Wissen oder musikalischen Kenntnissen performativ eingebunden werden. Egal, ob jemand aus Indien stammt oder nicht, Profimusiker oder Laie ist: Jede und jeder ist eingeladen sich an den Instrumenten auszuprobieren, ihnen Klänge zu entlocken, mitzugestalten oder nur zuzuhören. All diese von vielen als exotisch empfundenen Töne und Geräusche der Instrumente, aber auch spontane Wortbeiträge, werden in Echtzeit aufgezeichnet und technisch modifiziert in die akustische Umgebung eingeflochten. Das Klangbild wird im Verlauf des Abends und nach jedem neuen Beitrag immer vielschichtiger. Es wird dabei eine Live-Komposition angestrebt, die von Lutz Nikolaus Kratzer in situ arrangiert, rhythmisiert, besänftigt oder auf die Spitze getrieben wird. Alle treten in einen spielerischen, bisweilen unausgesprochenen und abstrakten Dialog, der über die Sprache hinausgeht und Grenzen überwinden soll und sich aus Erfahrungen, Erwartungen, Fiktionen, Imaginationen, Hoffnungen zusammensetzt. Das Produkt dieser ortsspezifischen Zusammenkunft ist jederzeit tatsächlich greifbar und hörbar.

Horizonterweiterung ist das ebenso ehrgeizige wie realistische Ziel dieses experimentellen Abends, der jede Zuschauerin und jeden Zuschauer garantiert auf eine anregende, humorvolle Reise in den Musikkosmos von „Our private India“ mitnimmt und in einen Dialog mit interessierten und kundigen Menschen schickt. Konfrontiert mit Vorurteilen, Wahrheiten, Hoffnungen und neuen Erkenntnissen. So entsteht ein zeitgemäß medial verknüpfter Mikrokosmos aus Behauptung, Wahrnehmung, Aneignung und Experiment. Aus „My private India“ wird UNSER privates Indien („Our private India“): ein polyphoner Zusammenklang aller subjektiven Versionen Indiens im kollektiven Bewusstsein dieses ungewöhnlichen Abends in der Galerie Melike Bilir.

Lutz Nikolaus Kratzers persönlicher Zugang

Der Zugang zu indischer Musik mag für viele intuitiv funktionieren. Ein Schwelgen oder Schunkeln zu fremdartigen Rhythmen, Harmonien, Farben, Formen und Gerüchen stellt sich ein, sobald diese für unsere Sinne exotische Musik ertönt. Für den diesem Kulturkreis fremden, aber zugeneigten Musiker, wie ich es bin, beginnt an dieser Stelle ein Ringen um Erkenntnis, Verständnis, Authentizität. Es wird analysiert, geübt, hingehört, vertieft und imitiert. Begibt er sich dann ernstlich auf die musikalische Reise und beschließt womöglich sogar ein vertiefendes Studium, wird er vielleicht merken, dass er nie den Wissensstand und die Könnerschaft eines einheimischen, in Indien sozialisierten Musikers erreichen kann. Die musikalische Früherziehung beginnt in der indischen Familie schließlich vom ersten Tag an und zum Verständnis dieser Musik und ihrer Entstehung gehören wohl auch die Rhythmik, Melodie und die Geräusche des indischen Alltagslebens ergänzt letztlich durch den Verbund aller weiterer kultureller Besonderheiten des jeweiligen Ortes. Während seines viermonatigen Aufenthaltes in West Bengalen in einem Vorort von Kalkutta, bekam Lutz Nikolaus Kratzer bereits im Jahre 1999, untergebracht bei der Familie seines Tablalehrers Swapan Bhattacharya, tiefe Einblicke in indisches Musikerleben und das dortige familiäre Zusammenleben. In einem Musikstudio in Kalkutta entstanden erste Aufnahmen mit indischen Musikern. Lutz Nikolaus Kratzer lud sie ein, ihn bei seinen Kompositionen zu begleiten. Die Musiker ihrerseits brachten eigene Stücke mit, die nun wiederum Kratzer auf der Gitarre begleitete. Die seither von ihm weiter verfolgten Erkundungen der indischen Musikwelt, die eigenen klanglichen Experimente und persönlichen Faszinationen sind wichtige Bestandteile des Gesamtkonzeptes von „My private India“.

Gefördert vom Musikfonds e. V. mit Projektmitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Kulturbehörde Hamburg.

Mit Freundlicher Unterstützung der Kulturbehörde Hamburg.

Special Thanks to: Julia Dautel und Julie-Ann Shiraishi!

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Marc Einsiedel & Felix Jung

THANK YOU, PLEASE VISIT AGAIN

Eröffnung: Freitag, 1. November 2019 ab 19 Uhr

Eine Ausstellung im Rahmen der India Week Hamburg 2019

Das Hamburger Künstlerduo Marc Einsiedel und Felix Jung zeigt am Freitag, den 1. November bei Melike Bilir im Rahmen der India Week Hamburg das Ergebnis seiner Forschungsreise nach Sikkim, traditionelles Königreich und zweitjüngster Bundesstaat Indiens. Der Ausgangspunkt war die Hauptstadt Gangtok auf einer Höhe von 1800 Metern, um dort die zahlreichen ethnischen Gruppen, Traditionen, sowie die Architektur und deren Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu erforschen.

Inspirieren ließen sich Einsiedel und Jung einerseits durch die die klaren farblichen Visionen und die prägnante Architektur des höchst stylishen Königs Chogyal Palden, dem 12., der die Region als letzter König der Chagyal-Dynastie modernisierte und in Ihrer dezidiert nachhaltigen Ausrichtung Mitte des 20. Jahrhundert entscheidend prägte. Andererseits interessierte sie die kulturelle Vielschichtigkeit Sikkims aufgrund seiner geografischen Lage, umrahmt von den Nachbarländern China, Nepal und Bhutan, die es in seiner Alltagskultur und seinen Lebensentwürfen vom Rest Indiens deutlich absetzt. Sie erschaffen eine Rauminstallation, die den Galerieraum in einen Mikrokosmos der kulturellen Kontraste und Widersprüche verwandelt und den Clash zwischen der klaren, freundlichen und hellen Farbgebung traditioneller buddhistisch bemusterter Textilien und grellen Marken Plagiaten sichtbar macht. Live und in situ kreuzt sich dabei die touristische Erfahrung mit der des Künstlers. Das Gesehene wird hierfür zu einer neuen Bildwelt transformiert und diese touristische Sichtweise auf den Ausstellungsbesucher übertragen, der sich nun in einer ihm fremden (Kunst-)Welt zurechtfinden muss.

Wie bereits auf ihren beiden vorherigen Reisen nach Indien, Jaipur 2016 und die Küste Goas 2017, haben die beiden Hamburger ihr Hauptaugenmerk auf den inländischen Tourismus Indiens und dessen Auswirkungen auf deren Kultur gelegt und sich auf die drei Themenfelder Tourismus, Nachhaltigkeit und Identität fokussiert:

Das Hamburger Künstlerduo Marc Einsiedel und Felix Jung ist bekannt geworden für seine hintersinnigen und oft spektakulären Interventionen im öffentlichen Raum, bei denen urbane Zustände scheinbar beiläufig kommentiert und verändert werden. Für sie geht es darum, den Raum zu erleben, um ihn dann mit Prozessen des Hinzufügens, Zweckentfremdens und Recycelns auszuarbeiten. Sie zeigen so, auf performative Weise oder mit verschiedensten (Bau)materialien arbeitend, Themen, die sie faszinieren, in Vergessenheit geratene Missstände und besondere Kontraste an Orten.

Mit Freundlicher Unterstützung der Kulturbehörde Hamburg

Special Thanks to: Julia Dautel und Julie-Ann Shiraishi!

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Mariola Brillowska und Gäste

PLANET FLAMBOYANZ

Videopremiere, Ausstellung, Konzert

Sonntag, 20. Oktober 2019 von 18 - 21 Uhr

„Stereo Total" / Françoise Cactus, Brezel Göring

„Ich bin hier" / Damian Müller, Peter Weinig, C. Debérn

Mariola Brillowska, die Hamburger Undergroundpionierin, Filmemacherin, Malerin und Autorin (Markenzeichen: Flamboyanz!) überrascht immer wieder mit bewährten Genialitäten und neuen Ideen. Ihr neuster Streich: zwei Musikvideos für die Berliner Band „Stereo Total“ um die Sängerin Françoise Cactus, gerade frisch in die deutschen Album-Charts eingestiegen.

Die Musikvideos „Hass Satellit“ und „Ich bin cool“ drehte die deutsch-polnische Künstlerin mit dem deutsch-französischen Elektropopduo und der inklusiven, von der Pestalozzi Stiftung Hamburg betreuten Künstlergruppe und Band „Ich bin hier“. Zur Premiere der Videos tritt „Ich bin hier“ zusammen mit „Stereo Total“ live auf. Exklusiv zeigt Melike Bilir in ihrer Galerie Mariola Brillowskas Artworks aus den Videos. Auch dabei: die lebensgroße legendäre Häkelpuppe „Wollita“ - von „Stereo Total“ Sängerin Cactus höchstpersönlich erschaffen.

Musik, Lyrics, Interpreten: Stereo Total; Darsteller: Françoise Cactus, Brezel Göring, Bela Brillowska, Wollita, Damian Müller, Peter Weinig, Thomas Habel, Jörn Schinnerling, Angelika Hamann, Manou Hannemann, Mareike Hoof, C. Gempeler Debérn, Angela Rögler; Choreographie: Caroline Gempeler co Songwerkstatt AWG Alte Schule Reitbrook Pestalozzi Stiftung Hamburg; Kostümbild: Gloria Brillowska, Neele Tschaitschian, Anna Degenhardt, Mariola Brillowska; Kamera, Licht: Joscha Sliwinski; Haare & Make Up: Patrick May; Konzeption, Szenenbild, Artworks, Animationen, Regie, Schnitt, Produktion: Mariola Brillowska; Produktionsassistenz: Ingmar Böschen; Drehorte: Peacedorf Pinneberg Hamburg, Greenboxstudio Sonic Performance Hamburg

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FLESH CORALINO - CLEMENCIA LABIN

TROPICALIA in der Galerie von Melike Bilir

5. September - 13. Oktober 2019

Es wird schwarz, es wird zitronen-gelb/gold, es wird korallfarben! 

Weiche Stoffe, Formen und Körper aus der Karibik eröffnen eine neue tropikalische Welt und neue Sichtweisen auf Südamerika. 

Die Malerin und Performance-Künstlerin Clemencia Labin aus Maracaibo, Venezuala, zeigt in ihrer Ausstellung „Flesh Coralino“, vom 5. September bis 13. Oktober 2019, Bildobjekte und Skulpturen bei Melike Bilir. Ihre Arbeiten, aus Bikini Lycra und Nylon Strümpfen, geformt und vernäht, teilweise mit Acrylfarbe bemalt, verweisen in ihrer Farbgebung auf ein ikonisches Bild der südamerikanischen Volksmythologie. Es zeigt die heilige Maria Lionza in ihrer kraftvollen und edlen Nacktheit auf einem schwarzen Tapir reitend und dabei einen goldenen Becher in den Himmel reckend. Der Maria-Lionza-Kult ist ein Heilungsritual, das sich vornehmlich in Venezuela aus den ethnischen Religionen Venezuelas, Elementen des Katholizismus und dem afrikanischen Voodoo entwickelt hat. 

Schon seit ihren Anfängen in Maracaibo mit seinen Umzügen, Festivals und Bräuchen, hat Labin einen freudigen, das Publikum einbeziehenden Ansatz verinnerlicht, den sie mit Flesh Coralino trotz aller Erfahrung und Erfolgen in internationalen Ausstellungen und langjähriger neugieriger Verfeinerung ihrer Kunst unbekümmert fortführt. 

Mit dieser spielerischen Lebensfreude und Energie setzt sich die Künstlerin mit einer eigenen universell verständlichen Sprache für ein Verständnis ihrer Kultur jenseits eines kolonialistischen Weltbildes ein, stets im Bewusstsein um ein kollektives Gedächtnis. Im Jahr 2000 etwa initiierte sie in ihrer Heimatstadt das Ausstellungsprojekt „Velada Santa Lucía", das sich über 13 Jahre zu einem über die Grenzen Venezuelas hinaus bekannten Kunstfestival entwickelte. 2011 repräsentierte Labin mit diesem Projekt Venezuela auf der 54. Biennale von Venedig. 2019 führte sie auf der Biennale im Sinne der Demokratie den Protest gegen das Maduro-Regime an. 

Clemencia Labin sieht sich immer zunächst als Malerin, die mit formbaren Stoffen experimentell arbeitet und diese intuitiv und humorvoll mit Techniken und Konzepten aus der westlichen Moderne verbindet. Sie treibt gerne auf die Spitze, bis etwas Magisches und unerhört Schönes entsteht. Ihre Energie lässt sich nicht in zwei Dimensionen bändigen und so gestaltet Labin in ihrer eigenen tropikalischen „Pulpa Chic World“ einen üppigen, überschwänglichen, manchmal barock anmutenden Raum mit kräftigen Farben und weichen Formen, die sie selbst als genuin „karibisch“ beschreibt.Dieser Sinn für intuitive Komposition offenbart sich in den Pulpa, jenen organischen, an Fruchtfleisch erinnernden flauschigen Formen, die sich bewegen, wachsen und in der Wahrnehmung des Betrachters tanzen, wie Korallen im Meer. Sie verleihen dem Werk seine dezidiert körperliche Dimension, die deutlich weicher und verletzlicher ist, als wir es gewohnt sind und die ganz nebenbei unsere Sehgewohnheiten infrage stellt, Konventionen ironisiert und klischeehaften männlichen Chauvinismus als überkommenes Idealbild verspottet. So tauchen wir tief ein in die warme Welt der Korallen, die mit uns zu sprechen scheinen, uns sanft umspülen und sich liebevoll anschmiegen wollen. Wir geben uns einem rauschhaften Erleben hin, das vitalisiert und die Vorstellungskraft anregt, nicht zuletzt, um bestehende Annahmen, wie moderne Kunst zu sein habe, vor dem inneren Auge verschwimmen zu lassen.

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DANIEL SPOERRI & TEX RUBINOWITZ

23. Mai - 18. Juli 2019

Liebe Kunstfreunde, liebe Freunde der Galerie,

Melike Bilir präsentiert anlässlich ihrer Neueröffnung eine besondere Ausstellung zweier in Wien lebender Größen und Generationen des feinsinnigen Renegatentums und versatilen Pioniergeists! Daniel Spoerri und Tex Rubinowitz zeigen ab dem 23.5. textile Objekte, die einen erkenntnisreichen Blick in den Narrenspiegel erlauben. 

Mit der Bemerkung „Kannst haben, Drecksbüebli“ überließ Daniel Spörri, Grandseignieur der Avantgarde-Kunst, seinem Freund, dem Autor und Zeichner Tex Rubinowitz, die zerschnittenen Reste mit Sinnsprüchen bestickter Tücher, aus denen bereits seine „Fadenscheinigen Orakel“ entstanden waren. Rubinowitz verarbeitete diese weiter und entwarf eine Parallelwelt der Unlogik, die „Tarnsätze“. Gemeinsam ist beiden Serien, dass Sie volkstümliche Weisheiten und einfältigen Kitsch gegen alle Regeln der Kunst und mit Hilfe des Zufalls dekonstruieren.

Tarnsätze, Tex Rubinowitz

Tex Rubinowitz, preisgekrönter Autor unglaublicher Reiseberichte, begnadeter Chronist absurder Realität, Witzezeichner und Musiker wendet sich das erste Mal der Textilkunst zu. Als leidenschaftlicher Kommunikator versieht er sein Material mit Text, inspiriert von den Sinnsprüchen und vermeintlichen Wahrheiten, die einmal auf den Stoff gestickt waren, und zielt auf die Wirkung beim Betrachter ab.

Tex’ „Tarnsätze“ funktionieren wie ein geistiger Reflextest mit hintersinniger Falle. Sie spielen mit Redensarten, die so abgegriffen sind, dass man sie im Leben nicht benutzen würde. Unter dem Motto „je belangloser und konsensueller, desto besser“ erforschen sie, was im Gehirn des Betrachters entsteht, nur um es mit einer unverschämten Verdrehung in die Irre zu führen, eine Parallelwelt der Unlogik entstehen zu lassen. Im Stile eines Mimikry tarnen sich die Sätze und schleichen sich ins Unterbewusstsein. Durch geschickte Tarnung wird das Unlogische zu einer unhaltbaren Wahrheit.

Das Spannende und Erfrischende: Die Unsicherheit des Gehirns, wenn es versucht, die trivialen Sätze zu komplettieren, hat Tex direkt in seine Arbeitstechnik mit der Maschine übersetzt. Man sieht den Objekten an, dass hier mit Beliebigkeit gearbeitet wird. Ganz bewusst überlässt er einen Teil des Ausgangs dem Zufall und gibt die Kontrolle trotzig an den Lauf der Dinge ab!

Fadenscheinige Orakel, Daniel Spoerri

Vor acht Jahren sammelte der in Wien lebende frühere Tänzer, Regisseur, Herausgeber von Zeitschriften und bildende Künstler Daniel Spoerri auf Kur in Oberösterreich bei verschiedenen Trödlern und Flohmärkten Tücher, die ursprünglich, mit volkstümlichen Weisheiten bestickt, Heim und Herd in Bauernhäusern verschönern sollten.

Die Gottergebenheit, der einfältige Kitsch, die beschönigenden Lügen und der Fleiß, der hinter den Textilarbeiten stand, riefen in ihm eine Mischung aus Rührung und Ekel hervor. Es entstand der Impuls, sie auseinanderzuschneiden und nach Wortarten zu sortieren. Ganze Stapel von Wörtern wie „Gott“, „Maria“ und „Jesu“ kamen dabei zusammen. Ausgebreitet auf einem großen Tisch wurden sie zu seinem meditativen Puzzlespielplatz. Dabei entstanden durch Kombination und Intuition Satzkompositionen: eine neue Realität und wahre Wortlawine.

Zusammen mit seiner Köchin Silke Eggl, die sich zufälligerweise auch als Schneidermeisterin und Stickerin herausstellte, wurden die Sätze auf den Tüchern neu vernäht und die genau 100 „fadenscheinigen Orakel“ entstanden, deren schicksalhafte Wirkung auf den Betrachter noch unerforscht ist. Eine Auswahl von ihnen ist jetzt in der Galerie Melike Bilir zu sehen!

In Zusammenarbeit mit der Levy Galerie